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EPOCHE NAPOLEON

von der Bastille bis Waterloo 1815

Bergzabern: »Das Feuer glimmt noch unter der Asche«

von Helmut G. Haasis

Der Teil der Südpfalz, der bereits seit langer Zeit der französischen Oberhoheit unterstand, leistete 1789 bis 1791 seinen hervorragenden Beitrag zur Beseitigung des Feudalismus. Anders der Teil, der nicht zu den Souveränitätslanden zählte. Dessen Stunde schlug erst im Jahr 1792.

Landau, seit 1648 französische Festung, erlebte wohl im Juli oder August 1789 eine Mischung aus Hungerunruhen, Gefangenenbefreiung und Kampf gegen die Zollschranken. Daran erinnerte sich noch nach mehr als einem Drittel Jahrhundert, wenige Jahre vor seinem Tod, Johannes Birnbaum, der vom Wundarzt und Barbier der Jakobinerzeit zum obersten Richter der bayerischen Pfalz, zum Präsidenten des Appellationsgerichts in Zweibrücken, aufgestiegen war. Eine atemberaubende Karriere eines hervorragenden Autodidakten, wie sie nur in Revolutionszeiten möglich ist.

Nicht nur in Paris, sondern auch in vielen andern Städten des Reichs äußerte sich die Volksrache durch Mord, Raub, Zerstörung und Brand. In Landau war ihr Ausbruch nicht so fürchterlich. Einem verhassten Oberzöller begnügte man sich, die Fenster einzuwerfen und einiges Hausgerät zu zerschlagen, weil man ihn selbst nicht gleich auffinden konnte. Einige Zollgardisten, welche in der Stadt angekommen waren, um eine Mautlinie anzulegen, ließen sich durch bloße Drohung davon abschrecken und gingen nach Straßburg zurück, Ein Haufe Weiber rottete sich zusammen, um einige Soldaten, welche wegen vorgeblicher Insubordination gefangen saßen, in Freiheit zu setzen, und es gelang ihnen, entweder weil der Kommandant dem zur Zerstreuung der Rotte beorderten Husarendetachement nicht recht traute oder auch weil er keine Gewalt gebrauchen lassen wollte. Endlich erregte eine gewisse Frau Morgenstern, eine Schnallenflickerin, eine Art von Volksauflauf, indem sie die Sturmglocke anzog, um die Ausfuhr eines Transportes Mehl zu verhindern. (Birnbaum, S. 3 37)

Die Landauer Gefangenenbefreiung lässt sich als spiegelbildliche Umkehrung der Straßburger lesen. Am 05,08.1789 befreiten in Straßburg Soldaten ihre Kameraden aus der Haft, am nächsten Tag holten sie zahlreiche Frauen aus dem Zucht- und Arbeitshaus heraus. Abends schlossen sich Angehörige der Unterschichten plündernd dem Siegeszug der Soldaten an. Diese kurzlebigen Szenen schlugen sich in der angstgeschüttelten Phantasie der rechtsrheinischen deutschen Feudalanhänger als drohende Überschwemmung durch zahllose Räuberbanden nieder.

In Landau dagegen waren es Frauen, die den inhaftierten Soldaten die Freiheit verschafften. Ein Hungeraufstand ging von einer Frau aus. Später taten sich im Landauer Jakobinerklub immer wieder Frauen hervor.

Am Anfang der Revolution übte Landau keine herausragende Wirkung auf das benachbarte deutsche Gebiet aus. Die Landauer waren noch zu sehr mit ihren eigenen Problemen beschäftigt, in den Ämtern saßen Anhänger des alten Regimes, die es zuerst festzustellen und dann zu entmachten galt. Im Laufe von drei Jahren entwickelte sich Landau zu einem Revolutionszentrum, von dem die entscheidenden Anstöße zur Befreiung des südpfälzischen Landstrichs ausgingen.

Südwestlich der französischen Enklave Landau, nahe bei der französischen Grenze, lag die Oberamtsstadt Bergzabern, der östliche Zipfel des Herzogtums Pfalz-Zweibrücken. Aus Gründen, die vor der Revolution zu suchen sind und nur eines Anstoßes bedurften, brach hier im September 1789 eine Rebellion aus. Darauf lohnt es sich ausführlicher einzugehen, denn hier liegen die Anfänge der leider vergessenen Republik Bergzabern, die übrigens früher zur Welt kam und sich zielstrebiger, schlagkräftiger und nachhaltiger in die Geschichte der Jakobinerzeit eintrug als die Mainzer Republik. außerdem ist die archivalische Überlieferung, wenigstens für die gegnerische Seite, recht gut, während für die Überlieferung von Revolutionsseite viele Wünsche offenbleiben. Einer der vielen Faszikel im Landesarchiv Speyer zur Bergzaberner Revolutionsbewegung trägt den Titel: »Betreff; der Aufruhr in der Stadt und dem Oberamte Bergzabern, 1789 – 1792.« (B 2, 5524) Im ersten Schriftstück bereits hallt die Bauernbewegung um Dahn nach, Die Ablage unter Bergzabern geschah wohl irrtümlich.

Der in die Gegend Dahn und Weidental gestern abgeschickte geheime Bote hat wenig oder nichts erfahren, welche fremde Bauren von Dahn und Weidental dahier gewesen, um von Herrn Pfarrer Kremer Papiere abzuverlangen. Einige seien nun bekannt worden, als von Weidental Michael Feldner und Andreas Sebach, von Dahn sind nur Lorenz Kling. Die übrigen von Dahn sind ohnbekannt, welches mit dem Anhang untertänig berichten sollen, daß Herr Pfarrer Kremer die angegebenen Namen nicht recht gewußt.

Hornbach, den 15. August 1789

Dimroth.

(Speyer, Landesarchiv, B 2, Nr. 5524, Blatt 3; in diesem Kapitel als Speyer, Blatt... zitiert)

Die ersten Schritte der Südpfälzer Revolution waren noch keine zwei Wochen alt, da schickte ein Amtmann des Herzogtums Pfalz-Zweibrücken bereits einen Geheimboten aus, um heikle Nachrichten zu beschaffen, die einen Gegenschlag vorbereiten sollten. Beides ist bemerkenswert: die Tatsache eines Geheimboten, eines Spitzels also, und der frühe Termin. Denn erst gegen Ende des Jahres entwickelten die deutschen Feudalmächte, unter dem massiven Einfluss der emigrierten französischen Adligen, eine Hypothese, die bis in die Gegenwart nicht sterben kann: Die Franzosen hätten ihre Nachbarländer mit Geheimagenten, Emissären, Sendboten der Revolution, überschwemmt. Und nun stammt der erste Geheimbote aus den gegnerischen Reihen.

Ein erster Bericht des Zweibrücker Regierungsrats Klick aus Bergzabern (19.08.1789) spricht von ersten Unruhen in Annweiler, von Differenzen des Regierungsrates mit der Gemeinde Dörrenbach (südwestlich von Bergzabern) und von Problemen in Oberotterbach (Südlich von Bergzabern). Optimismus herrscht vor: »Mit der Gemeinde Dörrenbach bin ich zwar nicht einig worden, aber doch ist alles ohne weitere Troublen abgegangen, und es sind auch keine weitern zu befürchten.« (Speyer, Blatt 4) Demselben Regierungsrat verging zwei Jahre später der Optimismus, als er den angeschlagenen Bergzaberner Oberamtmann Sprenger zu ersetzen hatte.

Neun Tage nach diesem Bericht begann der Schlosser Daniel Niesal, eines der Häupter der Opposition, Unterschriften für eine Beschwerdeschrift zu sammeln. Es ging gegen den Stadtrat, das Gemeindegericht und gegen den Verlust von Stadtrechten und die Einbuße von Waldrechten. Der Stadtrat bestand aus dem Stadtschultheißen Lorch, dem Bürgermeister Zinngraff und den Stadträten Umpfelbach, Götz, Pauli, Fleckstein, Hammer, Gauly, Engelhard und Schwarz. Eine Minderheit schlug sich später zur Revolutionsbewegung.

Auf den 19.09. hat die Bergzaberner Opposition den Angriff festgesetzt. Nach Sturmläuten kommt die Bürgerschaft von Bergzabern auf dem Rathaus zusammen, verstärkt durch die Gemeinden, die gemeinsamen Waldbesitz haben. Diese Versammlung hält nun mit einem Male das Rathaus besetzt. Kein Stadtrat wird mehr ins Rathaus gelassen. Ein harmloses Bittgesuch an den Herzog von Zweibrücken wird von einem anderen Haupt der Bergzaberner Opposition, von Ulrich Daumüller, zurückgehalten. (Speyer, Blatt 6;Remling I. Bd., S.t 136f)

Die Waldprobleme waren kompliziert. Seit Jahrhunderten gab es im Rotenberger Geraidewald eine Marktgenossenschaft. Nun verfügten französische, fürstbischöfliche Speyerische, kurpfälzische und Pfalz-Zweibrücker Bauern gemeinsam über den Wald. Die feudale Zersplitterung zerrte am Gemeineigentum aus verschiedenen Richtungen. Eine Selbstverwaltung des Waldes in unfreien Verhältnissen, von Leuten, die immer auch noch auf die Sondertendenz ihrer Herrschaft zu achten hatten, konnte nicht gut gelingen.

Die Bergzaberner verstanden sich revolutionärer Mittel zu bedienen, aber sie besannen keine Revolution. Sie vermochten umliegende Gemeinden in den Prozess der Opposition einzubeziehen. aber der Weg zur Selbstbestimmung verblieb noch außerhalb des Horizontes. Das begann sich ab 1791 zu ändern, in einem zunehmenden Tempo.

Der Pfalz-Zweibrücker Regierungsrat Klick, der anfangs vom Optimismus der Unkenntnis sanft geschaukelt wurde, sah viel später alles anders in einem Bericht vom 23.07.1792 aus Bergzabern, als in Bergzabern die Revolutionsbewegung schon eindeutig die Mehrheit erfasst hatte.

Ich muß zur Schande der Stadt Bergzabern sagen, daß ein sehr großer Teil der Bürgerschaft, wohl die Hälfte und noch mehr, mit dem leidigen Gift der französischen Freiheitsseuche angesteckt sein.

Den ersten Keim zur Unzufriedenheit kann man schon vor der Revolution suchen, nämlich vors erste in dem fast allgemeinen Mißtrauen und Abneigung gegen den Stadtrat und besonders gegen den Stadtschultheißen, sodann zweitens in der Schimperischen und Sprengerischen Behandlungsart der Geschäfte und der Personen, als worüber nicht nur die Stadt, sondern das ganze Oberamt unzufrieden gewesen. Als daher die französische Revolution entstand, wo Beamte von dem Pöbel verjagt, die Magistrate und übrigen Vorgesetzte abgesetzt oder wenigstens in ihren Funktionen gestört worden sind und wo endlich alle Zügellosigkeit überhand nahm und die meisten herrschaftlichen Abgaben ab, geschafft worden, so witterte die ohnehin so nahe Freiheitsluft einige hiesige Brausköpfe ganz angenehm zu; und diese teilten das Gift unter der Hand andern mit, so daß es sich bei den meisten einschlich und diejenigen, die vernünftlger dachten, nicht das Herz hatten, etwas dagegen zu machen.

Darüber kam dann der famose Auftritt im September 1789 in hiesiger Stadt, welcher gar leicht hätte vermieden werden können, wenn man andere Maßreglen genommen hätte. Auch die Untersuchung dieses schändlichen Auftritts geschah nicht gehörig, und weilen die Urheber bloß aus fürstlicher Milde sehr gelind bestrafet worden sind, so wurde der Freiheitsgeist nicht völlig unterdrücket, sondern das Feuer glimmte noch immer unter der Asche.

Dieses bemerkte ich sehr wohl, als ich im August vorigen Jahres hierher kam, und das Mißvergnügen stieg noch weiter, weilen man die flüchtigen Geistlichen und übrigen Emigranten öffentlich duldete und sich daher vor vielen Unannehmlichkeiten mit der französischen Nachbarschaft befürchtete. (Speyer, Blatt 85 Vorderseite bis 86 Rückseite)

Der Regierungsrat hatte viel gelernt, wenn auch spät. In Bergzabern reifte unter seiner Aufsicht, aber im verborgenen eine Revolutionskraft heran, die in Deutschland damals nicht ihresgleichen fand. Dennoch reduzierte sich dem Zweibrücker Regierungsmitglied die Antriebskraft der Demokratie auf eine ansteckende Seuche. Eine geistige Selbstbeschränkung, die zu den unzerstörbaren Interpretationsmustern der Reaktion gehört.

Quellen:

  • Birnbaum, Johannes von: Geschichte der Stadt und Bundesfestung Landau, Kaiserslautern2 1830 (Standorte: Mainz, Stadtbibliothek, 42/24b; Mannheim, Universitätsbibliothek, K 501; Speyer, Landesbibliothek, 47/987)

  • Remling (siehe Kapitel 9)

  • Speyer, Landesarchiv, B 2, Nr. 5 524