Das Reisetagebuch der Antoinette von Massow
Nachdem mein geliebter Hans uns verlassen hatte, packte ich unsere Sachen zusammen und erwartete den guten Massow vom Manöver zurück. Er kam und erzählte mir, daß er den lieben Hans besucht und noch einmal Abschied genommen habe, wo er äußerst freudig gesagt, er hätte schon gelesen und geschrieben, und der Gouverneur sei von Beidem sehr zufrieden gewesen.
Um 12 Uhr hatten wir abgesessen und besuchten dann noch die lieben Graf Lottums und Hofmarschall Massow - und nun gings nach Potsdam; die ganze schöne Chaussee war mit Menschen besät, die teils ritten, teils fuhren, und es nahm sich prächtig aus, wenn man die perspektierische Allee wimmelnd von lebenden Geschöpfen sah.
In Zehlendorf hielten wir ein wenig stille, bei welcher Gelegenheit ich mir ein großes Glas Bier reichen ließ; und wie ich mich mit selbigem so recht in die erste Trinkposition gesetzt habe, fährt pfeilschnell ein Halbwagen vorbei, aus dem sich ein Engelsgesicht bückt - und zwar die liebe Königin mit dem teuren Monarchen zusammen fuhren einfach mit 4 Pferden und einem Diener nach Potsdam. Hier in Zehlendorf spannten sie aus. General Rellet benutzte diese Gelegenheit und besorgte währenddem das Entretien, welches er selbstgefällig und selbstlachend endigte. Den Cousin Pirch fanden wir sehr wohl, auch hatte er uns ein hübsches Logis ausgemittelt. Wir mußten noch den Abend bei ihm passieren und lernten in seiner Frau ein charmantes, liebes Weib kennen. Sie ist die Schwester des Minister Alvensleben und gleicht zum Verwechseln und Verkennen der Obristin N.....[?]. Wir sollen, wenn wir nicht ausgebeten sind, ihre täglichen Gäste sein, welches ich für meine Person gern annehme, da mein Mann immer in Sanssouci ißt. Heute gingen Pirchs zu einem lange vorher gebetenen Souper und wir benutzten derweile die kurze Zeit, etwas von den Merkwürdigkeiten zu sehen; zuerst gingen wir nach dem Neuen Garten und in das Marmorpalais am Heiligen See; an demselben sieht man die schöne Stadt, welche sich mit ihren Türmen majestätisch erhebt; dann die Pfaueninsel, vor derselben ebenfalls auf einer Insel zwei schöne Tempel; auf der anderen Seite einen hohen Berg, dessen dickes Gehölz durchgehauen und von schönen, mannigfachen Lustparthien geziert wird; kurz: die Ansicht der herrlichen Natur weist das Herz zur Liebe und Bewunderung für den Schöpfer derselben hin. Das Marmorpalais ist geschmackvoll und prächtig. Jedes Kaminstück in den Zimmern kostet 24000 Thlr., welcher ungeheure Preis durch das Auslegen von Mosaik veranlaßt ist. Ein kleines Zimmer, welches wie ein türkisches Zelt dekoriert ist, macht meine Aufmerksamkeit rege; es ist ringsumher mit aufgenommenen Gardinen von weißem Atlas behangen. An den in die Höhe gezogenen Seiten sind Roß - Schweife befestigt und der ganze Atlas mit Franzen von Schmelz besetzt. In der Mitte hängt ein Kronleuchter von Crystallperlen, der stellt das türkische Wappen - Sonne, Mond und Sterne - dar. Unten herum sind flache Sitze, mit Atlas überzogen, angebracht. Alle Kommoden und Tische in den Zimmern sind mit den seltesten Marmorplatten belegt; unter anderen eine Platte von zusammengesetzten Stücken Chrosopas. Herrliche Gemälde der berühmtesten italienischen Künstler sieht man hier; auch hat die Gräfin Lichtenau einige Ansichten von Neapel und Rom machen lassen, die schön sind. In diesem Palais ist Friedrich Wilhelm II. die mehrste Zeit gewesen, auch da gestorben. In dem Garten, wo dieses Palais steht, sieht man ein prächtiges Gebäude, in welches man durch schöne Colonaden hereintritt.
Hier befindet sich eine herrliche Orangerie; ist man diese zu Ende gegangen, öffnet sich eine große Glastüre, die in den lachendsten Saal führt, dessen Wände mit 96 Vasen von dem schönsten Porzellan geziert, und diese mit den seltesten Blumen, welche erquickende Gerüche verbreiten, angefüllt sind. Am Ende des Saales befindet sich ebenso eine Orangerie, die durch eine ähnliche Glastüre dem Auge und der Nase sich gleich wohltätig zeigt. Bei den Festen, welche der jetzige König so gerne hier feiert, werden der Saal und die beiden Orangerien durch Ananaslampen sanft erleuchtet; und dann soll die Wirkung vortrefflich sein. Nachdem wir alle diese Schönheiten gesehn und die Börse meines Massows etwas erleichtert hatten, gingen wir vergnügt nach Hause.
Meinen Massow sah ich gar nicht, der war immer bei der Cavallerie und in der Nähe des Königs, wo wir uns nicht hinzufahren getrauten. Nachmittag machte ich Visite bei der Oberhofmeisterin Grfn. Vohs, die mir wie das lebendige Bild der Hof - Etiquette erschien. Sie hat Kopf und Taille so mit Juwelen überladen, wie das Gesicht Schminke. Übrigens ist diese 76 jährige Dame noch sehr lebhaft und geistreich. Von da fuhr ich zu General Ruchels; sie ist eine sehr hübsche, angenehme Frau, welche mir aber ohne das erküstelte Colorit besser gefallen hätte. Den Abend brachten wir bei dem Cousin Pirch sehr angenehm hin, denn er und seine Tochter, sowie seine Schwägerin, ein Frl. Schmettau, musizierten und sangen charmant.
Mein Nachbar zur Linken war auch ein angenehmer Mann, und so verging das Souper unterhaltend und sättigend zugleich. Dann war da ein Oberst le Coque aus sächsischen Diensten, nebst Gattin und Bruder; der General Panitz, Oberst Frankenberg, der Mann meiner theuren, lieben Jugendfreundin, Frau von Gravert, eine hübsche interessante Frau, Hptm. v. Ernsthausen, Lt. Weiss von Vohs, Rittm. Harter v. Blücher, weiter geht meine Kenntnis nicht. Die Übrigen blieben mir fremd. Nach Tisch verzog man sich ohne Abschied und Geräusch. Heute soll bei Pirchs Gesellschaft sein. Ich benutzte den Vormittag auch, weil diese sich erst um 8 Uhr versammelt und ging mit der Tochter des Cousins nach Sanssouci, nach dem Neuen Schloß und besahen dann noch das japanische Palais. Dies alles gewährte mir viel Vergnügen. In dem japanischen Palais sind drei Kabinetts, in denen Friedrich II. sich oft aufhielt; in dem einen steht noch sein Schreibtisch und Schreibzeug, wie er's verlassen hat; und die ältesten Stuhlbehänge sind von den Hunden zerrissen, noch ganz zu erkennen, wie sie mit den Stücken gespielt haben.
In demselben Kabinet ist eine Singe - Uhr, deren großes Gehäuse von Schildkröte ist; dann befindet sich außerhalb des Palais unter den Colonaden ein Gemälde; dieses stellt einen Affen vor, der durch einen Ring springt. Sieht man ihn von der rechten Seite, so macht er seinen Sprung nach dem Palais hin; sieht man ihn von der linken Seite, so springt er mit dem Kopf nach dem Garten zu. Der Garten von Sanssouci ist vortrefflich. Auf dem langen Gange nach dem Neuen Schloß befindet sich auf beiden Seiten ein liebliches Wäldchen, dann wird der Gang immer von kleinen runden Plätzen durchschnitten, auf denen sich schöne Statuen, aus der Mythologie entlehnt, befinden.
Den 25. Berlin.
Diesen Mittag aßen wir an der table d'hote im Hotel de Russie, wo wir viele alte Bekannte wiederfanden. Gleich nach unserer Ankunft in Berlin hatten wir nach dem lieben Hans geschickt, der dann auch sogleich im besilberten Rock, großem Hut mit Tressen und einer Generalsfeder erschien, froh und heiter über seine Lage. Wir gingen zusammen mit Hptm. Bessel in die Comödie; da ward gegeben »Die bestrafte Eifersucht«, wo Iffland herrlich agierte. Dann ein Nachspiel, »Röschen und Collas«, wo Unzelmann seine Rolle sehr schön ausführte; übrigens war es eine höchst langweilige Operette, in der sich dennoch Mutter Quandt vorteilhaft auszeichnete. Den folgenden Morgen kam der Gouverneur meines Hans, Herr Bona, ein sehr alter Mann mit dem redlichsten Gesicht, feinen Sitten und auffallender Gutmütigkeit. Wir empfahlen ihm mit der Wärme besorgter, zärtlicher Eltern unser Kind; er versprach, alles zu tun, allein seine Kräfte reichten nicht aus, sie könnten mit seinem Willen nicht gleichen Schritt halten. Deshalb stieg manche bange Sorge in uns auf, die jetzt aber unterdrückt werden muß; denn nun können wir das Kind nicht zurücknehmen.
Nachdem wir uns einige Stunden mit dem redlichen Alten unterhalten hatten, schlug die bittere, gefürchtete Scheidestunde.
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