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EPOCHE NAPOLEON

von der Bastille bis Waterloo 1815

Henriette, oder die schöne Sängerin.

Eine Geschichte unserer Tage von Freimund Zuschauer.

4. Henriette.

So zerfiel die Bewegung, welche unsere Sängerin in der Residenz hervorgebracht, in zwei Hauptempfindungen: Bewunderung und Neid. Mit Vergnügen verlassen wir diese, theils seicht lobpreisende, theils kleinlich, neidisch herabsetzende Klasse, und wenden uns zu einem interessanteren Gegenstande. Wer könnte dieß anders seyn, als unsere reizende Henriette selbst? Ihrem jungen, rein und schuldlos fühlenden Herzen war eigentlich das Aufsehen, welches sie erregte, zuwider. Sie empfand, daß etwas Unschickliches, jede zartere Weiblichkeit Verletzendes darin liege, so der Oeffentlichkeit sich Preis zu geben. Doch die Verhältnisse, eine längere Gewohnheit, und ein gewisser unschuldiger Glaube, daß es nicht anders seyn könne, halfen ihr diese Empfindung überwinden. Manches indeß, was ihr dennoch und immer lästig fiel, stand in so naher Beziehung zu ihren Verhältnissen, daß es sie täglich auf’s Neue höchst unangenehm daran erinnerte, daß ihr Loos mehr den Schein eines neidenswerthen habe, als es in der That sey. Dahin gehörten vorzüglich zweierlei Dinge. Erstlich die lästigen, oft unverschämt lobpreisenden Kritiken, die nie bei der Sache stehen blieben, sondern (weil die Recensenten davon am wenigsten zu verstehen pflegen) sich meist an zufällige Nebendinge hielten, und oft in einem unschicklichen Grade ihre eigene Persönlichkeit berührten. Denn nicht allein, daß ihr Haar, ihre Augen, Wangen, Zähne, Hände gelobt oder bekrittelt wurden; nein, man ging noch weiter und stellte förmliche Untersuchungen über ihre Schönheit an, die eine so specielle Richtung nahmen, daß das reine und sittlich fühlende Mädchen darüber erröthen mußte. Das Zweite waren die zahllosen überlästigen Besuche, die sie täglich erhielt und leider empfangen mußte. Alle Zeit wurde ihr dadurch gewaltsam geraubt. Denn die jungen, reichen, schamlosen Roue’s der Residenz hielten es nicht für nöthig, sich bei einer Sängerin an eine bestimmte schickliche Stunde zu binden, sondern kamen ohne Unterschied zu jeder Tageszeit, wo sie sich eben gestimmt fühlten, albern zu schwatzen. Ein Mann kann sich leichter mit Stolz gegen beleidigende Unverschämtheit mancher Personen aufrichten; einer Frau ist es fast nur dann möglich, wo es ihr Pflicht wird, nämlich im Fall man ihrer Ehre zu nahe tritt. So weit wagten jedoch selbst die Dreistesten dieses Gelichters nicht zu gehen, denn die Gewalt der Unschuld hält selbst die zügellosesten Wüstlinge eine Zeit lang im Zaum. So empfand also die liebenswürdige Henriette mehr eine Unbequemlichkeit von diesen Herren, als sie wirklich darunter gelitten hätte. Uebrigens empfing sie alle freundlich und gütig, weil es ihr Herz so mit sich brachte, offen und wohlwollend gegen Jeden zu seyn, der sich dessen nicht bestimmt unwürdig gemacht hatte. Allein sie war es früher gewohnt gewesen, einen großen Theil der Zeit, den die eifrige Uebung der Kunst ihr ließ, zur Beschäftigung mit sich selbst zu verwenden, und einsam im Genuß eines guten Buchs, oder in der stillen Behaglichkeit einer angenehmen häuslichen Thätigkeit sich glücklich zu fühlen. Dieß war aber jetzt fast ganz vorüber, denn die Theaterproben, die Aufführungen, die sich drängenden Einladungen, welche sie erhielt, verbunden mit den unaufhörlichen Besuchen, die sie täglich belagerten, ließen ihr kaum einige wenige Morgenstunden, die sie dem Einüben ihrer Rolle widmen mußte. Anfangs hoffte sie, aus der Mannigfaltigkeit der Bekanntschaften, die sie machte, einigen Nutzen zu ziehen, indem sie durch die Verschiedenheit und Uebereinstimmung, die sich in den Urtheilen zeigte, auf das Richtige gewiesen zu werden hoffte. Allein es zeigte sich bald, wie sehr sie sich darin geirrt hatte. Ein Theil wollte in ihr gar nicht die Künstlerin, sondern nur das schöne Mädchen bewundern. Die Mitglieder dieser Klasse wetteiferten mit einander in jeden Artigkeiten und oft unschicklichen Bemerkungen, durch die sie ihrer Bewunderung Luft zu machen suchten. Ja selbst die mancherlei Geschenke, die diese Leute ihr zu überreichen sich glücklich schätzten, waren ihr zuwider. Denn ihr feiner Blick entdeckte gar leicht die eigentlichen Quellen einer solchen scheinbaren Freigebigkeit und Güte. Ein Theil gab, um reicher wieder zu empfangen; gewissermaßen war dieß der verächtlichste, denn er muthete ihr, streng genommen, ein gemeines Verkaufen ihrer Gunst und Zuneigung zu. Ein anderer Theil schenkte ihr aus Eitelkeit, theils um sich als reich oder freigebig zu zeigen, theils um mit beiläufig scheinender Gleichgültigkeit am dritten Orte zu äußern: heute habe ich der kleinen Sängerin ein Cadeau gemacht, worüber das Kind entzückt war. Ich kann von dieser Gewohnheit gar nicht lassen. Haben Sie schon die Zeitung gelesen? Ein dritter Theil glaubte, durch Geschenke die Erlaubniß des Zutritts zu ihr bezahlen zu müssen. Ein vierter gar meinte, die Künstlerin damit belohnen zu dürfen, wenn sie aus gütiger Gefälligkeit vielleicht in seinem Hause gesungen hatte. Aber nicht ein einziger fand sich, der aus wirklichem Wohlwollen gegen das Bessere in Henrietten ihr seine Zuneigung zu erkennen gegeben hätte. Dieß zeigte sich auch an der gedankenlosen Wahl der Geschenke. Alle beschränkten sie sich darauf, den Putztisch der schönen Sängerin durch tausend einfältige, gänzlich unnöthige Kleinigkeiten zu meubliren, die leider heut zu Tage so in der Mode sind, daß die ganze Raffinerie eines Mannes von Ton sich darauf beschränkt, etwas neues Unsinniges in diesem Gebiete zu entdecken. Hielte uns nicht der Verfolg der Geschichte unserer Sängerin ab, wir hätten hier schöne Gelegenheit, ein Kapitel besonders darüber zu schreiben, wie diese Thorheit auch ihre ernsthaft schlechte Seite habe, und wie selbst die Entschuldigung vieler Frauen, die einen Tisch mit diesen glänzenden Narrheiten überfüllen und behaupten, diese Sammlung entstände ohne ihr Zuthun, ja gegen ihren Wunsch zufällig, ganz eitel und nichtig ist. Hättet Ihr nicht Eure Freude darüber, so würde Euch niemand damit belästigen; und warum stellt Ihr denn das lächerliche Spielwerk so sorgfältig auf, und weidet Euch an den staunenden Blicken weniger begünstigten Frauen, ja Freundinnen, wenn sie Euch besuchen, oder Ihr sie gar zu einer eitlen Gesellschaft eingeladen habt? Warum findet sich bei häuslichen, das Bessere in Herz und Geist pflegenden Frauen nie ein solcher Markt von Thorheit zusammen? Was sollte man von einem Weisen sagen, der täglich von Narren umlagert wäre? Er heuchle Weisheit. So die Frauen, die solche Thorheiten um sich sammeln, sie aufstellen und sie zu verachten scheinen wollen. Es sind Thörinnen, die sich bestreben, Vernunft zu heucheln; sie werden aber nur ähnliche Thoren täuschen.