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EPOCHE NAPOLEON

von der Bastille bis Waterloo 1815

Henriette, oder die schöne Sängerin.

Eine Geschichte unserer Tage von Freimund Zuschauer.

5. Der Hanswurst. Der Recensent.

Ein Kreis von Anbetern versammelte sich täglich bei unserer schönen Sängerin. Einzelne derselben haben wir schon früher kennen gelernt. Ein Blick in das Besuchzimmer kann unsere Kenntniß darin noch bedeutend erweitern. Ich hoffe, wir thun ihn nicht unbelohnt. Denn welchen Naturforscher sollte es nicht erfreuen, wenn man dabei Gelegenheit fände, das Verzeichniß der Schaalthiere auf eine leichte Art um ein Bedeutendes vollständiger zu machen? So mischen wir uns denn als schweigende Beobachter unter die Versammlung der Bewunderer Henriettens. Daß unsere Bekannte, die Räthe Wicke und Hemmstoff, der Abbe, der graue Jüngling von Obristlieutenant, der Regisseur des Theaters, und viele Andere, die wir im Laufe der Geschichte schon genannt haben, nicht fehlten, läßt sich denken. Weniger war es zu vermuthen, daß auch jener junge Mann, den alle Obigen so wenig kannten, als wir, sich zuweilen daselbst einstellte, und, obwohl er wenig sprach, nie ein Geschenk machte, sondern nur häufig sarkastisch lächelte, beständig von Henrietten gut, doch mit Verdruß von den Andern aufgenommen wurde, die nur eine Art von Scheu vor seinen festen Wesen hinderte, ihn grob zu behandeln, wozu sie nicht übel Lust hatten, da man es nicht anders wußte, als daß er ein junger Musikus, Namens Werner, sey, und sein Aeußeres, obwohl er sich anständig hielt, doch keinen reichen Mann zu verrathen schien. Außerdem lernen wir aber auch einen jungen Mann kennen, den wir nicht anders, als mit dem Namen des muthwilligen Hanswurst bezeichnen können, denn in der That gab er Narrenstreiche aller Art an, und schien ein Vorrecht dazu zu haben, Jedermann zu necken, ohne daß es ihm übel genommen wurde. Selbst Werner mußte manches von seiner geläufigen Zunge leiden, was er indeß lächelnd hinnahm, obwohl er sonst entschlossen genug zu antworten pflegte. Man unterhielt sich eben über die neuen Tagesblätter und die Kritiken, die sie enthielten. Zu vermuthen ist es, daß die Anstalten der beiden gekränkten Gegnerinnen Henriettens schon wirksam wurden, denn es schien mancher Tadel, ja mancher Spott mit eingeflossen zu seyn. Jeder Eintretende brachte ein Blatt mit, zog es hervor, und las und äußerte seinen Unwillen oder seine Zufriedenheit mit den Recensenten. Der Hanswurst hüpfte dabei im Zimmer umher, äußerte seine Empfindungen in grotesker Manier und machte allerlei unsinnige Bemerkungen dazwischen. Jetzt hatte auch Wicke ein sauber geheftetes Journal aus dem Busen gezogen, und begann folgendermaßen: »O schönste Henriette, Sie sanfter Strahl, der in die Nacht unserer Kunst gefallen ist, wie entzückt es diese weiche, leicht gerührte Brust, daß die öffentliche Stimme auch meine eigene ist!« »Oder umgekehrt,« schrie der Hanswurst dazwischen, »Ihre eigene Stimme ist auch die öffentliche, denn ich wollte wetten, Sie sind der Verfasser des Aufsatzes, den Sie lesen wollen. Gestehen Sie nur, Rath! Sie sind es! Umarmen Sie mich, Edler! O welch köstlichen Mann halte ich an meiner Brust!« Wicke machte sich mühsam los, und sprach etwas mit bedrängtem Athem, denn der Hanswurst hatte ihn fest umschlossen: »Gütigster, Sie beschämen mich und zerdrücken mir die Halskrause; aber ich bin nicht der Verfasser!« »O leugnen Sie doch nicht. Jedermann weiß ja, daß Sie an der Aurora arbeiten, daß die rührenden, empfindungsvollen Sonette im Hesperus stets von Ihnen sind, warum wollen Sie länger leugnen? Ja, meine Freunde, ich darf es behaupten, denn ich weiß es aus sicherer Quelle, der Rath ist gewiß der Verfasser! Er ist eben so großer Dichter, als Rath, und seine Talente halten seinem Enthusiasmus die Waage. Lesen Sie also, ruhmwürdigster Schriftsteller!« Der Rath war nicht der Verfasser des Artikels; doch da er ihn überlesen hatte, schien er ihm so schön geschrieben und so schmeichelhaft für Henrietten, daß er es jetzt für eine gute Kriegslist hielt, um in die Festung ihrer Gunst einzudringen, wenn er sich dem Einfall des Hanswurst bequemte und sich für den Verfasser ausgab. Er sprach also mit einem verblümten Lächeln: da unser scherzhafter Freund mich denn verrathen hat, so wage ich es mit der schüchternen Empfindung eines jungfräulichen Herzens, das die erste Liebe gesteht, zu bekennen, -- »daß Sie selbst stets Ihre erste Liebe waren, sind und seyn werden!« fiel der Hanswurst ein. -- »Spottvogel!« fuhr der Rath fort, »wage, sag’ ich, zu bekennen, daß ich freilich im Drang meines überfüllten Herzens mich nicht enthalten konnte, meine Empfindungen öffentlich auszusprechen!« »Lesen Sie, lesen Sie,« unterbrach ihn die Gesellschaft. Wicke zupfte sich den Hemdkragen zurecht, räusperte sich und schob die Brille gerade. Dann begann er mit seiner sanften schmachtenden Stimme:

»Meiner Pflicht als Correspondent zufolge berichte ich Ihnen, theurer Freund, Folgendes über die neu erworbene Sängerin Henriette. Wir haben das Palladium erobert. Das kostbarste Juwel schmückt jetzt die Krone der Kunst in unserer Stadt; das theuerste Kleinod, es ist gewonnen, es ist unser.«

»O lassen Sie es gut seyn, lieber Rath,« unterbrach ihn Henriette. »Ich ehre ihre dichterische Begeisterung, doch ich wünsche ihr einen bessern Gegenstand!«

»Wie!«, schrie der Hanswurst, »Sie wollten, Theuerste, uns des Entzückens berauben, Sie von dem begeisterten Wicke dithyrambisch, hymnisch, feurig, sprudelnd besingen zu hören? Hier zu ihren Füßen (dabei warf er sich auf’s Knie) schwöre ich, nicht eher Mittagbrod zu essen, bis ich Wickes begeisterte Ode in Ihrer Gegenwart vernommen habe. Wollen Sie mich Hungers sterben sehen? Ich schwöre Ihnen, gegen die Festigkeit meines beharrlichen Willens ist der standhafte Prinz ein gaukelnder Schmetterling.« Henriette wollte lächelnd abwehren, doch die Gesellschaft drang in sie, bestürmte den Rath, kurz ließ ihr nicht eher Ruhe, bis Wicke also fortfuhr:

»Das innerste Geheimniß der Kunst ist nun entdeckt, die goldene Zeit, die lang erwartete, ist da, und alle schwelgen wir in dem seligen Gefühl des höchsten Kunstgenusses, ja des höchsten Glücks. Was ist unsere Bühne, was unsere Oper seit wenigen Tagen geworden! O wir Armen! Wußten wir denn, was Gesang, was Spiel, was Anmuth, Reiz, Lieblichkeit, Seele war?«

»Nein, Rath, ich bitte Sie, hören Sie auf,« sagte Henriette, sichtlich verdrießlich; »ich muß das für Spott halten!« »Göttlichste, es ist die Stimme meines Herzens, die unbedingteste Wahrheit!« »Wahrheit! Wahrheit!« schrie die Versammlung. »Bravo, Rath, wahrhaftig!« »O ungeheurer Frevel des Selbstmordes, den Sie an Ihren Verdiensten begehen,« schrie der Hanswurst, »wenn Sie das für Spott halten wollen. Nein, der Rath ist das Organ der Welt. Weiter, Organ!« »Weiter, wir bitten,« sagte der junge Unbekannte, und lächelte sarkastisch. »Verschwören auch Sie sich gegen mich?« sprach Henriette, »das hätte ich nicht geglaubt!« »Verzeihen Sie,« entgegnete der junge Mann, »jedes Wort eines solchen Kunstrichters ist wichtig. Man lernt daraus, und deßhalb bitte ich nochmals dringend, daß der Herr Rath fortfahren möge.« Henriette schwieg, wie es schien, verlegen. Der Rath, der sich bisher lächelnd und wohlgefällig umgesehen hatte, und den glücklichen Zufall im Stillen nicht genug preisen konnte, der ihn bewegte, sich für den Kritiker auszugeben, nahm jetzt das Blatt wieder vor und begann von neuem:

»Dieß ist die Stimme des ganzen Publikums, vom Ersten bis zum Letzten, vom Minister und Gesandten bis zu der Kammerjungfer hinunter, wenn nicht der Neid einen bittern Tropfen in das Urtheil mischt. Sie können sich leicht vorstellen, daß Ihr Correspondent von der tollen Menge« --

Hier stotterte der Rath und wurde blutroth. »Tolle Menge,« half der Unbekannte sarkastisch ein, und warf einen Blick auf Henrietten, die in der That etwas verlegen schien. »Rath! Sind Sie wahnsinnig? Flimmerts Ihnen vor den Augen?« schrie der Hanswurst. »Tolle Menge! Unmöglich steht das da!« »In der That,« stotterte Wicke, »es ist ein höchst unangenehmer Druckfehler. Meine Handschrift ist etwas flüchtig.« -- »Wie soll es denn heißen?« fragte der Abbe. »Erlauben Sie, -- ja, ich glaube -- richtig -- es soll heißen, volle Menge!« erwiederte Wicke. »Aha c’est une autre chose, bitte, continuez!« Der Rath las sichtlich zitternd:

»Sie können sich leicht vorstellen, daß Ihr Correspondent von der vollen Menge nicht mit fortgerissen worden ist, sondern sich einige Ruhe bewahrt hat.«

»Volle Menge!« rief der Unbekannte, »das Beiwort ist in der That recht passend. Aber weiter.«

Wicke, der indeß das Blatt durchlaufen hatte, erwiederte: »das Wesentliche ist ja nun gesagt, ich fürchte, daß -- Sie möchten -- der Aufsatz ist etwas lang --« »Nein, guter Freund,« rief der Hanswurst, »so kommen Sie nicht los, jetzt müssen wir ihn ganz hören, lesen Sie weiter, oder ich fahre fort.« »Ich bitte selbst darum,« sprach Henriette, »ich versöhne mich jetzt mit Ihnen, denn ich sehe, daß der Eingang freilich nur eine kleine Persifflage auf eine gewisse Art von Kunstrichtern enthält, die ich selbst nicht schätze. Aber jetzt, da ihr Aufsatz wirklich die Wahrheit sagen will, wird er mir höchst interessant.« Wicke zitterte wie ein Espenlaub, das Blut stieg ihm bis in die Stirn, er konnte kaum das Blatt halten. Zitternd fuhr er fort:

»Man würde sehr thöricht handeln, wenn man --«

Verzeihen Sie, ich habe mich versprochen,

»man würde sehr weise handeln, wenn man in die Urtheile eines unverständigen, kenntnißlosen --«

»ich bekomme Nasenbluten, entschuldigen Sie« -- damit hielt er sich das Tuch vor’s Gesicht und stürzte hinaus. »Das Blatt,« rief ihm der Unbekannte nach, »wir bitten um das Blatt.« Doch Wicke war zur Thür hinaus, ehe Jemand sich entschließen konnte, ihm zu folgen. Die Herren rieben sich verlegen die Hände; auch Henriette wußte nicht, was sie thun sollte. Da brach der Unbekannte das Schweigen, und fragte: »Aus welchem Blatt war der Aufsatz?« »Aus dem Menschenscheuen,« erwiederte der Hanswurst, »und es scheint, der Rath ist auch menschenscheu geworden. Sehen Sie nur, wie er sich verlegen an den Häusern hindrückt.« »O, das Blatt hab’ ich zufällig bei mir, hatte es indeß noch nicht gelesen,« sprach der Unbekannte. »Erlauben Sie, so vollende ich die Lektüre.« Die Gesellschaft schwieg; doch Henriette versicherte, sie werde es recht gern hören, und jener las darauf folgendermaßen:

»Man würde sehr thöricht handeln, wenn man in die Urtheile eines unverständigen, kenntnißlosen Publikums so unbedingt einstimmen wollte, und zum Glücke sagt das Sprichwort auch nur vox populi, vox dei, aber nicht vox plebis, vox dei. Demnach erlaubt sich Ihr Correspondent, wie schon erinnert, bei der allgemeinen Trunkenheit ein wenig nüchtern zu bleiben, und urtheilt so: Fräulein Henriette ist allerdings eine sehr angenehme und liebenswürdige Erscheinung auf der Bühne, doch scheint sie mir noch nicht den Rang unter den Künstlerinnen einzunehmen, den ein solcher Beifall, eine solche Lobpreisung voraussetzen müßte. Ihr Gesang hat manchen Fehler, zum Beispiel den, daß sie zu viel Passagen mit unte

Ein Kreis von Anbetern versammelte sich täglich bei unserer schönen Sängerin. Einzelne derselben haben wir schon früher kennen gelernt. Ein Blick in das Besuchzimmer kann unsere Kenntniß darin noch bedeutend erweitern. Ich hoffe, wir thun ihn nicht unbelohnt. Denn welchen Naturforscher sollte es nicht erfreuen, wenn man dabei Gelegenheit fände, das Verzeichniß der Schaalthiere auf eine leichte Art um ein Bedeutendes vollständiger zu machen? So mischen wir uns denn als schweigende Beobachter unter die Versammlung der Bewunderer Henriettens. Daß unsere Bekannte, die Räthe Wicke und Hemmstoff, der Abbe, der graue Jüngling von Obristlieutenant, der Regisseur des Theaters, und viele Andere, die wir im Laufe der Geschichte schon genannt haben, nicht fehlten, läßt sich denken. Weniger war es zu vermuthen, daß auch jener junge Mann, den alle Obigen so wenig kannten, als wir, sich zuweilen daselbst einstellte, und, obwohl er wenig sprach, nie ein Geschenk machte, sondern nur häufig sarkastisch lächelte, beständig von Henrietten gut, doch mit Verdruß von den Andern aufgenommen wurde, die nur eine Art von Scheu vor seinen festen Wesen hinderte, ihn grob zu behandeln, wozu sie nicht übel Lust hatten, da man es nicht anders wußte, als daß er ein junger Musikus, Namens Werner, sey, und sein Aeußeres, obwohl er sich anständig hielt, doch keinen reichen Mann zu verrathen schien. Außerdem lernen wir aber auch einen jungen Mann kennen, den wir nicht anders, als mit dem Namen des muthwilligen Hanswurst bezeichnen können, denn in der That gab er Narrenstreiche aller Art an, und schien ein Vorrecht dazu zu haben, Jedermann zu necken, ohne daß es ihm übel genommen wurde. Selbst Werner mußte manches von seiner geläufigen Zunge leiden, was er indeß lächelnd hinnahm, obwohl er sonst entschlossen genug zu antworten pflegte. Man unterhielt sich eben über die neuen Tagesblätter und die Kritiken, die sie enthielten. Zu vermuthen ist es, daß die Anstalten der beiden gekränkten Gegnerinnen Henriettens schon wirksam wurden, denn es schien mancher Tadel, ja mancher Spott mit eingeflossen zu seyn. Jeder Eintretende brachte ein Blatt mit, zog es hervor, und las und äußerte seinen Unwillen oder seine Zufriedenheit mit den Recensenten. Der Hanswurst hüpfte dabei im Zimmer umher, äußerte seine Empfindungen in grotesker Manier und machte allerlei unsinnige Bemerkungen dazwischen. Jetzt hatte auch Wicke ein sauber geheftetes Journal aus dem Busen gezogen, und begann folgendermaßen: »O schönste Henriette, Sie sanfter Strahl, der in die Nacht unserer Kunst gefallen ist, wie entzückt es diese weiche, leicht gerührte Brust, daß die öffentliche Stimme auch meine eigene ist!« »Oder umgekehrt,« schrie der Hanswurst dazwischen, »Ihre eigene Stimme ist auch die öffentliche, denn ich wollte wetten, Sie sind der Verfasser des Aufsatzes, den Sie lesen wollen. Gestehen Sie nur, Rath! Sie sind es! Umarmen Sie mich, Edler! O welch köstlichen Mann halte ich an meiner Brust!« Wicke machte sich mühsam los, und sprach etwas mit bedrängtem Athem, denn der Hanswurst hatte ihn fest umschlossen: »Gütigster, Sie beschämen mich und zerdrücken mir die Halskrause; aber ich bin nicht der Verfasser!« »O leugnen Sie doch nicht. Jedermann weiß ja, daß Sie an der Aurora arbeiten, daß die rührenden, empfindungsvollen Sonette im Hesperus stets von Ihnen sind, warum wollen Sie länger leugnen? Ja, meine Freunde, ich darf es behaupten, denn ich weiß es aus sicherer Quelle, der Rath ist gewiß der Verfasser! Er ist eben so großer Dichter, als Rath, und seine Talente halten seinem Enthusiasmus die Waage. Lesen Sie also, ruhmwürdigster Schriftsteller!« Der Rath war nicht der Verfasser des Artikels; doch da er ihn überlesen hatte, schien er ihm so schön geschrieben und so schmeichelhaft für Henrietten, daß er es jetzt für eine gute Kriegslist hielt, um in die Festung ihrer Gunst einzudringen, wenn er sich dem Einfall des Hanswurst bequemte und sich für den Verfasser ausgab. Er sprach also mit einem verblümten Lächeln: da unser scherzhafter Freund mich denn verrathen hat, so wage ich es mit der schüchternen Empfindung eines jungfräulichen Herzens, das die erste Liebe gesteht, zu bekennen, -- »daß Sie selbst stets Ihre erste Liebe waren, sind und seyn werden!« fiel der Hanswurst ein. -- »Spottvogel!« fuhr der Rath fort, »wage, sag’ ich, zu bekennen, daß ich freilich im Drang meines überfüllten Herzens mich nicht enthalten konnte, meine Empfindungen öffentlich auszusprechen!« »Lesen Sie, lesen Sie,« unterbrach ihn die Gesellschaft. Wicke zupfte sich den Hemdkragen zurecht, räusperte sich und schob die Brille gerade. Dann begann er mit seiner sanften schmachtenden Stimme:

»Meiner Pflicht als Correspondent zufolge berichte ich Ihnen, theurer Freund, Folgendes über die neu erworbene Sängerin Henriette. Wir haben das Palladium erobert. Das kostbarste Juwel schmückt jetzt die Krone der Kunst in unserer Stadt; das theuerste Kleinod, es ist gewonnen, es ist unser.«

»O lassen Sie es gut seyn, lieber Rath,« unterbrach ihn Henriette. »Ich ehre ihre dichterische Begeisterung, doch ich wünsche ihr einen bessern Gegenstand!«

»Wie!«, schrie der Hanswurst, »Sie wollten, Theuerste, uns des Entzückens berauben, Sie von dem begeisterten Wicke dithyrambisch, hymnisch, feurig, sprudelnd besingen zu hören? Hier zu ihren Füßen (dabei warf er sich auf’s Knie) schwöre ich, nicht eher Mittagbrod zu essen, bis ich Wickes begeisterte Ode in Ihrer Gegenwart vernommen habe. Wollen Sie mich Hungers sterben sehen? Ich schwöre Ihnen, gegen die Festigkeit meines beharrlichen Willens ist der standhafte Prinz ein gaukelnder Schmetterling.« Henriette wollte lächelnd abwehren, doch die Gesellschaft drang in sie, bestürmte den Rath, kurz ließ ihr nicht eher Ruhe, bis Wicke also fortfuhr:

»Das innerste Geheimniß der Kunst ist nun entdeckt, die goldene Zeit, die lang erwartete, ist da, und alle schwelgen wir in dem seligen Gefühl des höchsten Kunstgenusses, ja des höchsten Glücks. Was ist unsere Bühne, was unsere Oper seit wenigen Tagen geworden! O wir Armen! Wußten wir denn, was Gesang, was Spiel, was Anmuth, Reiz, Lieblichkeit, Seele war?«

»Nein, Rath, ich bitte Sie, hören Sie auf,« sagte Henriette, sichtlich verdrießlich; »ich muß das für Spott halten!« »Göttlichste, es ist die Stimme meines Herzens, die unbedingteste Wahrheit!« »Wahrheit! Wahrheit!« schrie die Versammlung. »Bravo, Rath, wahrhaftig!« »O ungeheurer Frevel des Selbstmordes, den Sie an Ihren Verdiensten begehen,« schrie der Hanswurst, »wenn Sie das für Spott halten wollen. Nein, der Rath ist das Organ der Welt. Weiter, Organ!« »Weiter, wir bitten,« sagte der junge Unbekannte, und lächelte sarkastisch. »Verschwören auch Sie sich gegen mich?« sprach Henriette, »das hätte ich nicht geglaubt!« »Verzeihen Sie,« entgegnete der junge Mann, »jedes Wort eines solchen Kunstrichters ist wichtig. Man lernt daraus, und deßhalb bitte ich nochmals dringend, daß der Herr Rath fortfahren möge.« Henriette schwieg, wie es schien, verlegen. Der Rath, der sich bisher lächelnd und wohlgefällig umgesehen hatte, und den glücklichen Zufall im Stillen nicht genug preisen konnte, der ihn bewegte, sich für den Kritiker auszugeben, nahm jetzt das Blatt wieder vor und begann von neuem:

»Dieß ist die Stimme des ganzen Publikums, vom Ersten bis zum Letzten, vom Minister und Gesandten bis zu der Kammerjungfer hinunter, wenn nicht der Neid einen bittern Tropfen in das Urtheil mischt. Sie können sich leicht vorstellen, daß Ihr Correspondent von der tollen Menge« --

Hier stotterte der Rath und wurde blutroth. »Tolle Menge,« half der Unbekannte sarkastisch ein, und warf einen Blick auf Henrietten, die in der That etwas verlegen schien. »Rath! Sind Sie wahnsinnig? Flimmerts Ihnen vor den Augen?« schrie der Hanswurst. »Tolle Menge! Unmöglich steht das da!« »In der That,« stotterte Wicke, »es ist ein höchst unangenehmer Druckfehler. Meine Handschrift ist etwas flüchtig.« -- »Wie soll es denn heißen?« fragte der Abbe. »Erlauben Sie, -- ja, ich glaube -- richtig -- es soll heißen, volle Menge!« erwiederte Wicke. »Aha c’est une autre chose, bitte, continuez!« Der Rath las sichtlich zitternd:

»Sie können sich leicht vorstellen, daß Ihr Correspondent von der vollen Menge nicht mit fortgerissen worden ist, sondern sich einige Ruhe bewahrt hat.«

»Volle Menge!« rief der Unbekannte, »das Beiwort ist in der That recht passend. Aber weiter.«

Wicke, der indeß das Blatt durchlaufen hatte, erwiederte: »das Wesentliche ist ja nun gesagt, ich fürchte, daß -- Sie möchten -- der Aufsatz ist etwas lang --« »Nein, guter Freund,« rief der Hanswurst, »so kommen Sie nicht los, jetzt müssen wir ihn ganz hören, lesen Sie weiter, oder ich fahre fort.« »Ich bitte selbst darum,« sprach Henriette, »ich versöhne mich jetzt mit Ihnen, denn ich sehe, daß der Eingang freilich nur eine kleine Persifflage auf eine gewisse Art von Kunstrichtern enthält, die ich selbst nicht schätze. Aber jetzt, da ihr Aufsatz wirklich die Wahrheit sagen will, wird er mir höchst interessant.« Wicke zitterte wie ein Espenlaub, das Blut stieg ihm bis in die Stirn, er konnte kaum das Blatt halten. Zitternd fuhr er fort:

»Man würde sehr thöricht handeln, wenn man --«

Verzeihen Sie, ich habe mich versprochen,

»man würde sehr weise handeln, wenn man in die Urtheile eines unverständigen, kenntnißlosen --«

»ich bekomme Nasenbluten, entschuldigen Sie« -- damit hielt er sich das Tuch vor’s Gesicht und stürzte hinaus. »Das Blatt,« rief ihm der Unbekannte nach, »wir bitten um das Blatt.« Doch Wicke war zur Thür hinaus, ehe Jemand sich entschließen konnte, ihm zu folgen. Die Herren rieben sich verlegen die Hände; auch Henriette wußte nicht, was sie thun sollte. Da brach der Unbekannte das Schweigen, und fragte: »Aus welchem Blatt war der Aufsatz?« »Aus dem Menschenscheuen,« erwiederte der Hanswurst, »und es scheint, der Rath ist auch menschenscheu geworden. Sehen Sie nur, wie er sich verlegen an den Häusern hindrückt.« »O, das Blatt hab’ ich zufällig bei mir, hatte es indeß noch nicht gelesen,« sprach der Unbekannte. »Erlauben Sie, so vollende ich die Lektüre.« Die Gesellschaft schwieg; doch Henriette versicherte, sie werde es recht gern hören, und jener las darauf folgendermaßen:

»Man würde sehr thöricht handeln, wenn man in die Urtheile eines unverständigen, kenntnißlosen Publikums so unbedingt einstimmen wollte, und zum Glücke sagt das Sprichwort auch nur vox populi, vox dei, aber nicht vox plebis, vox dei. Demnach erlaubt sich Ihr Correspondent, wie schon erinnert, bei der allgemeinen Trunkenheit ein wenig nüchtern zu bleiben, und urtheilt so: Fräulein Henriette ist allerdings eine sehr angenehme und liebenswürdige Erscheinung auf der Bühne, doch scheint sie mir noch nicht den Rang unter den Künstlerinnen einzunehmen, den ein solcher Beifall, eine solche Lobpreisung voraussetzen müßte. Ihr Gesang hat manchen Fehler, zum Beispiel den, daß sie zu viel Passagen mit unterdrückter Stimme macht. Dies heißt die Menschenstimme, die eines höheren Ausdruckes fähig ist, zu einem Instrument herabsetzen, das seine Effekte allerdings nur in einem dürftigen Piano und Forte suchen kann. Warum läßt Fräulein Henriette ihre bessern Gaben so unbenutzt? Wir sind überzeugt, sie könnte, da sie ein liebenswürdiges Gemüth besitzen soll, mit einem tief ins Innere dringenden Ausdruck singen. Warum hören wir das so selten? Weshalb wählt sie so leer glänzende Flitterrollen, da sie lauteres Gold haben könnte?«

»Ich begreife nicht,« unterbrach Henriette, »warum der Rath sich so gescheuet hat, seine Meinung zu sagen; ich theile sie wahrhaftig mit ihm; er hat ganz Recht!« »Ah! vous êtez un nage de bonté,« exclamirte der Abbe. »Edle Seele« rief Hemmstoff, »hätte mein Freund das ahnen können!« »Nein,« schrie der Hanswurst, »der Recensent ist ein Barbar, ein Seythe, ein Kannibale, ich traue das unserm Freund Wicke gar nicht zu! Wer weiß wer ihm einen Streich gespielt hat.« Der Obrist-Lieutenant hatte indeß durch die Doppel-Lorgnette nach dem Fenster gesehen, und rief: »Meine Herrschaften, der Lord Monday.«

rdrückter Stimme macht. Dies heißt die Menschenstimme, die eines höheren Ausdruckes fähig ist, zu einem Instrument herabsetzen, das seine Effekte allerdings nur in einem dürftigen Piano und Forte suchen kann. Warum läßt Fräulein Henriette ihre bessern Gaben so unbenutzt? Wir sind überzeugt, sie könnte, da sie ein liebenswürdiges Gemüth besitzen soll, mit einem tief ins Innere dringenden Ausdruck singen. Warum hören wir das so selten? Weshalb wählt sie so leer glänzende Flitterrollen, da sie lauteres Gold haben könnte?«

»Ich begreife nicht,« unterbrach Henriette, »warum der Rath sich so gescheuet hat, seine Meinung zu sagen; ich theile sie wahrhaftig mit ihm; er hat ganz Recht!« »Ah! vous êtez un nage de bonté,« exclamirte der Abbe. »Edle Seele« rief Hemmstoff, »hätte mein Freund das ahnen können!« »Nein,« schrie der Hanswurst, »der Recensent ist ein Barbar, ein Seythe, ein Kannibale, ich traue das unserm Freund Wicke gar nicht zu! Wer weiß wer ihm einen Streich gespielt hat.« Der Obrist-Lieutenant hatte indeß durch die Doppel-Lorgnette nach dem Fenster gesehen, und rief: »Meine Herrschaften, der Lord Monday.«