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EPOCHE NAPOLEON

von der Bastille bis Waterloo 1815

Henriette, oder die schöne Sängerin.

Eine Geschichte unserer Tage von Freimund Zuschauer.

6. Lord Monday. Die Arche Noah. Der Regenbogen. Das Duell. Die Ohnmacht.

Diese Unterbrechung machte der Lektüre ein Ende. Lord Monday kam lärmend die Treppe herauf. Man hörte ein Goddam nach dem andern, ohne die Ursache zu errathen. Ungemeldet brach er ziemlich stürmisch durch die Thür, und trat mit dem Staubmantel auf den Schultern ins Zimmer. »Guten Morgen, Vortrefflichste, wie geschlafen?« »Recht gut, Ew. Herrlichkeit,« entgegnete die etwas verlegene Henriette, »ich danke Ihrer theilnehmenden Nachfrage. Einen Stuhl, Luise, sey so gütig.« Die Kammerjungfer, die am andern Fenster mit Nähen beschäftigt war, sprang auf. Doch Lord Monday rief: »Schon gut mein Kind, ich setze mich aufs Kanapee,« und wollte sich, indem er den Mantel noch immer auf der Schulter hatte, eben darauf hinstrecken. Werner bemerkte ziemlich accentuirt: »der Mantel wird Er. Herrlichkeit hinderlich seyn.« »Goddam,« erwiederte der Lord, »das ist wahr,« und warf den Mantel unvorsichtig auf einen Stuhl, neben welchem eine Servante mit Tassen stand. Durch den Schwung des Mantels wurde ein Theil derselben herabgeschleudert, und zerbrach klirrend. »Goddam! der verteufelte Mantel,« rief der Lord, und stampfte mit dem Fuß. »Mein Gott,« rief die erschrockene Henriette, und eilte hinzu. Alles sprang auf, um die Trümmer zu sammeln. Der Lord stampfte und fluchte. Werner schien höchst aufgebracht, doch sagte er nichts. Henriette, die die zerbrochenen Tassen mit aufnehmen half, ließ plötzlich ein halb verhaltenes: »o weh!« hören, und man sah, daß sie eine Thräne, die ihr ins Auge trat, zu verbergen suchte. »Was ist Ihnen?« fragte Werner. »O nichts,« erwiederte sie, »die Tasse mit dem Bilde meiner jüngern verstorbenen Schwester ist auch zerbrochen, und das thut mir nur leid,« fügte sie leiser hinzu. Der Lord, der es gehört haben mochte, rief: »Trösten Sie sich, schöne Henriette, ich bezahle die Tassen dreifach, Sie sollen ein Dutzend schönere dafür haben.« Werner fuhr auf; doch Henriette, die es sogleich bemerkte, wandte sich zu ihm, und sprach: »Herr Werner! ein Wort! Ich bitte.« Er folgte ihr einige Schritte bei Seite. »Thun Sie mirs zu Gefallen,« sprach sie dringend, »seyn Sie ruhig, es könnte Ihnen übel zu stehen kommen, und das würde mir höchst traurig seyn; ich bitte Sie, sagen Sie dem Lord nichts. Das Geschehene ist ja nun doch geschehen.« »Ich gehorche,« entgegnete Werner, »allein seyn Sie überzeugt, daß nur Rücksichten für Sie, keine für mich, mich abhalten, diesem rohen Gesellen das zu sagen, wovor er sich durch seinen Stand bei Ihnen geschützt glaubt.«

Die Scherben waren weggeräumt, man wollte sich so eben setzen, als der Hanswurst überlaut rief: »die Arche Noah! die Arche Noah! Hahaha. Wie die Thiere aus dem Kasten steigen!« »Was giebts denn?« fragte der Obrist-Lieutenant, und sah, so wie die übrige Gesellschaft, ihn mit fragenden Blicken an. »Kommen Sie nur her, und sehen Sie, so bedarf es keiner Antwort mehr,« rief der Hanswurst. Alle folgten ihm ans Fenster bis auf den Lord, welcher auf dem Kanapee in der bequemsten Stellung, die er finden konnte, zurück blieb, und God save the King, trällerte. Die Ursache des Geschreies, welches der Hanswurst gemacht hatte, waren einige Wagen, aus denen mehrere, uns dem Namen nach schon bekannte Personen stiegen. Es waren jene Mäcene der Bühne, Wolf, Hirsch, Bär, Gans, Eber, nebst den dazu gehörenden femininis, Wölfin u. s. w. »Mein Gott, schrie der Hanswurst, von jeder Gattung ein Paar, ein Männlein und ein Weiblein!« »Nur die Taube fehlt,« bemerkt der Obrist-Lieutenant. »Nein, wahrhaftig nicht,« betheuerte Johannes Wurst, »sie ist auch dabei. Die Tochter der Madam Gans heißt Täubchen! Sehn Sie, eben hüpft das Täubchen aus dem Schlage. Tuck, tuck, tuck, tuck! Komm’, mein Täubchen, komm, komm! So wahr ich lebe, da ist auch der Regenbogen!« rief er aus. »Ja, ja, dort unten! Schauen Sie nur gefälligst hin.« Eben wölbt er sich über den Rinnstein. Er kann gar nicht gelegener kommen! »Ach der Kammerherr Graf von Regenbogen,« sagte der Obrist-Lieutenant, nachdem er das Perspectiv auf ihn gerichtet hatte. »Es konnte sich gar nicht besser treffen! Goldnen Dank bin ich ihm schuldig,« jubelte der Hanswurst und sprang im Zimmer umher. -- Indeß waren die noachischen Herrn heraufgekommen und wurden gemeldet. Henriette ging ihnen entgegen, und empfing sie mit Freundlichkeit. Doch jetzt erhob sich im Zimmer ein Geschnatter und Geschnarre, daß man hätte verzweifeln mögen. Das Männer Quintett aus Jerusalem erschöpfte ein ganzes Lexicon von lobpreisenden Beiwörtern über Henrietten, welche das weibliche Echopersonale sogleich duplicirte, bis sie sich in ein brausendes Verhallen auflösten, wie dies ja bei einem guten Echo immer der Fall ist. Ein neues Intermezzo fuhr indeß rasch dazwischen. Graf Regenbogen trat ein. Er galt für den feinsten Cavallier am Hofe. Niemand in der Residenz hatte sauberer gekräuseltes Haar als er; seine Parfüms waren immer direct aus Paris verschrieben; seine Schuhe ließ er in Wien, seine Fracks in Paris, die Unterkleider und Ueberröcke in London machen. Schon an frühesten Morgen, das heißt gegen zwölf Uhr, wenn er sich eben aus dem Bette erhoben hatte, war er elegant. Ja es ging das nicht unwahrscheinliche Gerücht, daß er stets in zwei Gilets und mit der feinsten Cravatte à l’ineroyable schlafe, und sich Nachts, da das Liegen die Coeffure derangirte, selbst eigenhändig frisiere, wozu er der Bequemlichkeit halber, einen großen Spiegel an der Decke seines Himmelbetts hatte anbringen lassen. Auch wußte man von seinem Justiz-Commissarius, daß er in seinem Testament eine Verordnung gemacht hatte, nach der er en habit habillé begraben seyn wollte, weil er es mit Recht für unschicklich hielt, am Tage des jüngsten Gerichts unordentlich angezogen zu seyn. Dieser geistvolle Mann war, wie gesagt, eingetreten. Durch eine kunstreiche Verbeugung, die gleich der Sonne in Osten begann, sich langsam westwärts bewegte, vor der schönen Henriette durch den Meridian gieng, und sich denn endlich beim Lord Monday völlig in Adent niedersenkte, begrüßte er mit erstaunenswerther Kunst die ganze Gesellschaft zugleich, und hatte dabei noch die Feinheit gehabt, jeden nach der Würde seines Standes zu behandeln. Denn bei Werner, dem unbedeutenden Musikus, begann er und beugte den Kopf anderthalb Pariser Zoll vorwärts (er rechnete immer nach französischem Maß, weil dieses als ausländisches Fabrikat viel feiner und eleganter seyn mußte als das deutsche), darauf senkte er sich in schräg absteigender Linie durch die fünf Zeichen des Thierkreises, die zwischen Werner und der schönen Henriette standen. Diese halbirte die Kurve seines Bücklings. Dann gelangte er, immer tiefer sich verneigend über den Hanswurst, den Abbe, den Rath Hemmstoff und den Obrist-Lieutenant, endlich beim Lord als dem Vornehmsten an, und befand sich dort genau in der (nach den ersten Ceremonienmeistern) schönsten Stellung der Ehrfurcht, in welcher sich das Haupt und ein anderer Theil des Körpers im Niveau befinden, oder gleichsam als die beiden Schaalen der Waage an dem krummen Waagebalken des Rückens schweben. An diesem bildete beim Grafen Regenbogen der Kammerherrn-Schlüssel, der sich durch die veränderte Lage nach Newtons Gesetz der Schwere ganz richtig vertikal mit dem Bart nach dem Himmel deutend, gestellt hatte, nicht ungeschickt des Zünglein. In dieser Stellung also befand sich der Graf; doch zu seinem Mißgeschick eine Sekunde zu lange. Denn urplötzlich öffnete sich unvermuthet die Thür, und Brückbauer trat rasch ein. Das Unglück wollte, daß die der Hirnschaale entgegengesetzte Schaale der Waage, in welcher Graf Regenbogen stand, sich um einen Pariser Zoll zu nah an der Thür befand, und so durch einen Stoß lädirt werden konnte, den man mit vollem Rechte im eigentlichsten Sinne hinterrücks nennen mußte, denn er traf wirklich eine Gegend, die sich in dem angenommenen statu quo noch hinter dem Rücken befand. Ein geschickter Mechaniker wird die Folgen dieses Ereignisses leicht berechnen können; doch da so gründliche Gelehrsamkeit nicht von allen Lesern zu fordern ist, so muß ich es hier berichten. Der Graf wurde durch den Choc beträchtlich aus dem schwebenden Gleichgewicht gebracht. Die vordere Schaale senkte sich, die correspondirende stieg, das Zünglein schlug über, und das Toupet, dieses achte Wunderwerk der Haarbaukunst, wurde zwischen den Fußteppich des Zimmers und der Hirnschale des Kammerherrn entsetzlich zermalmt. »Goddam,« schrie Monday: »o weh,« Henriette, »äh wai« der zehnstimmige Chor, (der, nach diesem Beispiele zu urtheilen, gleich wie bei den Alten, sich anderer Dialektformen zu bedienen schien,) »ah mon dieu« der Abbe, »alle Teufel,« der Obrist-Lieutenant. -- Hemmstoff und Werner sprangen den Unglücklichen zu Hülfe. Am erstauntesten schien Brückbauer; er stand mit offnem Munde in der Thür, und konnte sich nicht entscheiden, ob er vorwärts schreiten, um Verzeihung bitten, oder zurückspringen und verschwinden sollte. Endlich vermochte ihn die zurufende Henriette, das erstere zu wählen. Allein so wie man ihn ansichtig wurde, ertönte ein plötzlicher Schrei des Entsetzens, und der eben aufgerichtete Graf prallte drei Schritte zurück und rief: »blutbefleckter Mörder, hebe dich weg von mir!« In der That sah Brückbauer auch etwas blaß aus, und seine Kleider waren mit Blut besprützt. »Um Gottes willen, was ist geschehen?« fragte Henriette, »woher dieses verstörte Ansehen?« »Goddam! ein Duell!« rief der Engländer. »Lassen Sie mich nur zu Athem kommen, meine Allertheuerste,« sprach Brückbauer mit sichtbarer Anstrengung; »Sie sollen gleich erfahren, welches entsetzlichen Auftritts Zeuge ich gewesen bin.« Während dieser Unterredung war der gestürzte Graf vor den Spiegel getreten, und erblickte die völlige Vernichtung seines Toupets. Leichenblaß sank er zurück, und fiel dem Hanswurst in die Arme. Dieser rief erschüttert: »Regenbogen, Sie verlieren die Farbe. Fassen Sie sich! Theurer Regenbogen, soll ich Sie mit Wasser besprengen? O, richten Sie sich auf, Vortrefflicher!« Matt sagte endlich der Graf: »Es ist nun vorüber! Fahren Sie fort Director Brückbauer, ich bin sehr gespannt auf Ihre Neuigkeit, denn ich muß sogleich zu Sr. Durchlaucht, der ich alle Mittag bei Tafel einiges Neue mitzutheilen suche.« Regenbogen sprach den Wunsch der ganzen Versammlung aus, und Brückbauer begann nun folgendermaßen.

»Nie ist ein Director zugleich freudiger und erschreckter gewesen als ich. Stellen Sie sich vor! So eben war ich im Büreau bei meinem Kassirer, und befragte ihn, wie es mit dem Verkauf der Billets zu der morgenden Vorstellung, in der Sie, theure Henriette, zum ersten Male in der Rolle der Amande auftreten werden, beschaffen sey. Ich erhalte die freudige Antwort, daß nur noch ein einziges Billet zu haben ist. In diesem Augenblick treten zwei Offiziere, der Lieutenant Spitzdegen, ein gewandter Tänzer und Fechter, und der Lieutenant Maulbeer, sein Busenfreund, zugleich ein. Beide fragen wie aus einem Munde, ob sie noch Billets zu der Amande haben können. Der Kassirer zeigt achselzuckend das letzte vorhandene. Wie Harpyen auf das Königsmahl stürzen beide darauf los. Streit erhebt sich; wir wollen vermitteln; vergeblich! die Degen blinken schon in der Hand beider gewandten Fechter; umsonst springen wir dazwischen. Schnell wie der Blitz fallen die Hiebe, wie Hagel so dicht; -- und ehe eine Minute verflossen war, lag Maulbeer von einem furchtbaren Hiebe getroffen, blutend am Boden, und Spitzdegen, der auch nicht ohne Wunde davon gekommen war, spießte triumphirend das Billet auf den Degen, und schritt mit der theuren Beute hinaus.« Und der Verwundete? fragte Henriette zitternd und fast in Thränen. »Wird sogleich nach seiner Kaserne gebracht werden,« antwortete der Director. »Goddam!« rief der Lord, »die Geschichte verdiente in London passirt zu seyn!« »Ja, in Bedlam!« sprach Werner stark betonend. »Eine delicieuse Neuigkeit!« rief der Graf Regenbogen entzückt, und schien über den Verlust seines Toupets ganz getröstet. Der Lord war im sichtlichen Aerger, daß er keine Antwort für Werner bereit hatte; doch sicher wäre er wenigstens mit einer Grobheit bei der Hand gewesen, wenn nicht eine andere Begebenheit plötzlich alles aus der Fassung gebracht hätte. Die schöne Sängerin, die, um ihre Unruhe zu verbergen, sich gegen das Fenster gewandt hatte, sank nämlich mit dem Rufe: »Ums Himmelswillen!« ohnmächtig nieder. Alles sprang ihr zu Hülfe; auch der Lord wollte sich auf eine dreiste Art thätig zeigen und rief: »Man muß ihr das Corset öffnen!« Doch Werner stieß ihn ziemlich unsanft bei Seite, und brachte mit Luisens, des Kammermädchens, Hülfe, die Ohnmächtige, in das Nebenzimmer. Nach einer Minute kam er zurück und sprach zur Gesellschaft: Die Kranke ist der Obhut ihres Mädchens und ihrer alten Pflegerin, einer erfahrnen Frau anvertraut. Auch ist nach einem Arzt gesandt. Ihre Güte, meine Herrn, ist daher unnütz. Für den guten Willen ist Fräulein Henriette gewiß dankbar. Da aber Ruhe jetzt das erste ist, dessen sie bedarf, so hoffe ich, Sie werden meinem Beispiele folgen und das Haus verlassen! Bei diesen Worten griff er nach seinem Hut und ging. Der Lord fragte Regenbogen: »Sagen Sie mir, wer ist der unverschämte Mensch, der hier thut, als sei er Herr des Hauses?« Wer kann alle mauvais sujets kennen, antwortete Regenbogen. Aber kommen Sie, mein Bester. Wir speisen wahrscheinlich zusammen bei der Durchlaucht? -- »Versteht sich,« erwiederte Monday. Sie gingen, die übrige Gesellschaft folgte. Vor der Thür sahn sie die Ursach von Henriettens Ohnmacht. Der verwundete, ganz mit Blut bedeckte Offizier wurde die Straße hinab getragen. Man sah, daß Werner die Bahre begleitete.