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EPOCHE NAPOLEON

von der Bastille bis Waterloo 1815

Henriette, oder die schöne Sängerin.

Eine Geschichte unserer Tage von Freimund Zuschauer.

Die Gesellschaft nahm ihren Weg nach verschiedenen Richtungen. Hemmstoff und der Hanswurst fuhren zusammen zum Hof-Traiteur um dort zu Mittag zu essen. Als sie ins Zimmer traten, erblickten sie in einer Ecke desselben Wicken, der schwermüthig und düster vor sich hin starrte, und das Beefsteck, welches vor ihm stand, kaum zu beachten schien. »Nun Rath, wie gehts?« fragte der Hanswurst. »Denken Sie über eine neue Kritik nach?« »Ha Sie Abscheulicher!« fuhr Wicke auf. »Sie sind die Ursach meines Unglücks; denn Sie haben zuerst behauptet, ich sey der Verfasser dieses Pamphlets.« »Nun sind Sie’s denn nicht?« entgegnete der erstaunte Hanswurst. »Ei mag der Teufel! Heut früh erhielt ich das Blatt und stieß auf den verwünschten Artikel, dessen Anfang so höchst schmeichelhaft und geistreich verfaßt zu seyn schien. Natürlich glaubt ich, das Ding geht auch so zu Ende, denn wer Henker mag vermuthen, daß sich der Wind so dreht. Ich war froh über den Fund, steckte das Blatt ein, und freute mich, es der Henriette vorzulesen. Und nun stachelt Sie der lebendige Teufel, mich mit Gewalt zum Verfasser des Aufsatzes zu machen, welches ich nur zugab, um nicht mit Ihnen zu streiten. Jetzt steckt der Karren im Koth, wer zieht ihn nun heraus?«

»Ha, ha, ha, ha! Göttlich, delicieus, unnachahmlich!« rief der Hanswurst. »Nicht mit Gold zu bezahlen! Also hat meine Tollheit Ihre Eitelkeit verführt, und Sie sind in Teufels Küche gerathen? Das ist auf Ehre eine sublime Geschichte!« Und Sie wollen noch lachen? fragte Wicke halb weinend. »Bis ich platze, ha, ha, ha, ha!« »Das ist zu viel!« rief Wicke entrüstet, »wäre ich nicht von der Justiz, ich würde Sie fordern. So erlauben es mir die Gesetze nicht!« »Aber beruhige Dich doch Freund,« sprach Hemmstoff, »dein Beefsteck wird kalt, und der Aerger verdirbt Dir überdies den Appetit!« »Was soll ich aber machen? Ich bin lächerlich vor der halben Stadt,« rief Wicke, »und er ist Schuld!« »Ich mag den Teufel Schuld seyn, ich glaubte wirklich, Sie wären der Verfasser. Leugnen können Sie’s ja doch nicht, daß Sie oft schriftstellern. Aber Sie nehmen die Sache auch zu schlimm. Nichts ist leichter, als das Ding zu redressiren. Sie schreiben der schönen Henriette ein zartes Billet, worin Sie erklären, daß ein boshafter Feind die zweite Hälfte Ihres Aufsatzes zugesetzt habe, und schicken ihr das Manuscript des Dinges, wozu Sie den Anfang so weit abschreiben, als Sie ihn brauchen können. Das verbreiten wir weiter, und in 3 Tagen hält man Sie sogar für einen Märtyrer! So gewinnen Sie noch bei der Sache.« »Das ist wahr,« sprach Wicke und trocknete sich seine Thränen ab; »Ihr Rath ist gut.« »Bezahlen Sie ihn mit hundert Austern?« »Mit Vergnügen,« rief Wicke, und bestellte sie. Hemmstoff lobte jetzt diese Art, die Sache in’s Gleiche zu bringen, auch, und man setzte sich beruhigt und guter Dinge zu Tische.

Indeß müssen wir auch Henrietten in ihrem bedenklichen Zustande wieder besuchen.

Der heftige Schreck, den sie über den Lieutenant Maulbeere gehabt hatte, den man ganz unvermuthet aus dem gegenüberstehenden Hause, in welchem die Billets verkauft wurden, heraustrug, hatte sie in Ohnmacht geworfen. Zum Glück dauerte indeß dieser Zustand nicht lange, sondern sie erholte sich sehr bald, und ihre erste Frage war nach dem Verwundeten. Man sagte ihr, Werner habe es schon übernommen, dafür zu sorgen, daß der Kranke vorsichtig nach Hause gebracht und verpflegt werde. Demnach erwartete sie mit ängstlicher Ungeduld die Rückkehr des thätigen Freundes, weil der blutige Anblick sie zu heftig erschüttert hatte, und sie sich den Verwundeten nicht anders, als in den heftigsten Leiden und Schmerzen denken konnte.

Maulbeere, dieß müssen wir berichten, gehörte zu ihren großen Verehrern, und war ihretwegen fast zum Theaterpfeiler geworden. Seine Leidenschaft äußerte sich darin vorzüglich, daß er seine Göttin jedes Mal, wenn sie öffentlich auftrat, sah, und ihr unablässig bravo und da capo zurief. So war er der ganzen Stadt bekannt, und jeder Theatergänger wußte schon, wo er ihn zu suchen habe, nämlich auf der linken Seite der Sperrsitze. Die gütige Henriette litt seinetwegen eine Stunde der Angst; doch nach Verlauf dieser kam Werner zurück, bestellte dem Kammermädchen, daß es mit Maulbeeres Wunde nichts auf sich habe, und fragte nach dem Gesundheitszustande Henriettens. Als er erfuhr, daß sie ziemlich wohl, nur etwas matt und vorzüglich nur noch durch die Besorgniß um den Verwundeten angegriffen sey, ließ er durch das Kammermädchen anfragen, ob er gegen Abend wieder zu ihr kommen dürfte, er habe ihr etwas, was ihr selbst nicht unwichtig seyn werde, zu entdecken. Sie gewährte es ihm, und er ging sichtlich froh hinunter.

Um die Dämmerungsstunde stand er wieder vor ihrer Thür. Luise, die auf sein Schellen öffnete, fragte halb heraussehend: »Sind Sie es, Herr Werner?« »Ja, Luise, ich bin’s.« »Ach, lieber Herr Werner, mein Fräulein ist nicht allein; der Lord ist bei ihr, und will nicht wanken noch weichen. Schon zehnmal hat Fräulein Henriette ihm zu verstehen gegeben, daß sie gern allein seyn möchte, doch Sie kennen ihn ja selbst und werden sich’s denken, daß er nicht versteht, was er nicht verstehen will.« »Der Unverschämte!« rief Werner, »aber dießmal soll er fort, und wäre er angeschmiedet.« »Um Gotteswillen, begehen Sie keine Unbesonnenheit, lieber Herr Werner,« bat das Mädchen, »mein Fräulein würde sich auf den Tod ängstigen.« »Sey ruhig, Luise, ich will ihn nur durch List fortbringen. In einer halben Stunde bin ich wieder hier, und werde zweimal schellen; öffne Du mir alsdann selbst, so wollen wir ihn schon hinausschaffen.« Damit ging er die Treppe wieder hinab. Zur bezeichneten Zeit kam er zurück, und that, wie er gesagt hatte. Luise öffnete ihm mit freudigem Gesicht, und erzählte, vor zwei Minuten sey ein Diener in feiner Livree dort gewesen, habe nach dem Lord gefragt und ihm ein Billet überbracht, worauf dieser schleunigst hinweggegangen sey. »So ist meine Maaßregel zum Glück nicht nöthig,« erwiederte Werner, und steckte etwas in seine Tasche, was Luise nicht erkennen konnte. Darauf trat er ein.