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EPOCHE NAPOLEON

von der Bastille bis Waterloo 1815

Henriette, oder die schöne Sängerin.

Eine Geschichte unserer Tage von Freimund Zuschauer.

10. Die Epigrammatisten. Die Ausforderung.

Wir hatten unsere Bekannten, die Räthe Wicke und Hemmstoff, so wie den Hanswurst bei einer wohlbesetzten Tafel im eleganten Lokal des Hoftraiteurs verlassen. Dort hatten sich noch mehrere Freunde zusammen gefunden. Ihr Gespräch war, wie natürlich, Henriette. Wicke, der den Namen nicht nennen hören konnte, ohne sich seines verdießlichen Unfalls zu erinnern, schlich abseits, ließ sich von einem der Kellner Feder, Tinte und Papier geben, und schrieb den Brief und Aufsatz, den wir im vorigen Kapitel gelesen haben. Allein ehe er ihn absendete, las er ihn noch in der Gesellschaft vor, indem er vorgab, er habe ihn so eben aus seiner Wohnung geholt. Natürlich fand er allgemeinen Beifall, so daß Wicke fast seinen Stern prieß, dessen Einfluß ihn auf diese Art zum Schriftsteller gemacht hatte. Er wurde darauf dem Kellner übergeben, der die Besorgung übernahm. Durch Wickes Vorlesung hatte sich das Gespräch auf die Kritiken des Tages gewendet, und jedermann, der die letzten Flugblätter verschiedener Art gelesen hatte, fand, daß sie sich offenbar in zwei Partheien theilten, deren eine absichtlich hämische Angriffe auf Henrietten that, die andere dagegen sie kräftig beschirmte und vertheidigte. Der Redakteur des Menschenscheuen, der Professor Ruhwitz, mußte nach der Meinung der Gesellschaft offenbar bestochen worden seyn, um Wickes Kritik so schändlich zu Henriettens Nachtheil zu verdrehen. »Doch wer könnte,« fragte der Rath Hemmstoff, »wohl dazu Anlaß gegeben haben?« »Wie?« fiel Wicke ein, »können Sie noch zweifeln? Ich wette, es ist die neidische Caroline gewesen!« »Sie haben Recht,« rief der wohlbekannte Obrist-Lieutenant, der auch dabei war, »ich bin diesen Morgen, ehe ich zu Henrietten ging, einen Augenblick bei ihr gewesen, da konnte sie ihre Wuth kaum unterdrücken. Ich neckte sie absichtlich ein wenig, indem ich Henrietten in den Himmel erhob, und jedes Mal, daß sie selbst von sich und einer ihrer Rollen anfing, sprang ich ab, und kam wieder auf Henriettens Vorzüge. Sehn Sie, die kleine neidische hübsche Person hätte beinah geweint vor Aerger.« »Deliciös,« rief ein uns noch nicht bekannter Mann, Namens von Hayfisch, (ebenfalls ein Mäcen des Theaters und Jerusalemitischer Abkunft,) »auf Ehre, lieber Obrist-Lieutenant, deliciös. Ich hätte mögen dabei seyn. Aber morgen will ich hin und es eben so machen. Man muß den übermüthigen Sängerinnen zeigen, daß man sie nach Gefallen absetzen kann. Sie ist lang genug meine Göttin gewesen; morgen soll sie einmal statt des Weihrauchs bittre Pillen schlucken!« Ein junger blaßer Mann, der bisher einsam und ohne zu sprechen an einem Tische gesessen hatte, stand jetzt auf und näherte sich den etwas laut Sprechenden. Der Hanswurst erkannte ihn und flüsterte: »Seht da die Leiche, die Carolinens Schatten bildet; es ist ihr blaßer Verehrer. Nun, wenn er Eure Rede gehört hat, und er wird nicht roth wie ein gesottener Krebs, so erlebe ich, daß ein Mohr blaß wird, wie der steinerne Gast.« Wirklich überzog eine leise Röthe des Verdrußes die Wangen des bleichen hagern Jünglings. Er schien zweifelhaft, ob er der Gesellschaft näher treten solle, oder nicht, doch endlich machte er, wie einer der einen plötzlichen Entschluß gefaßt hat, eine Wendung, schritt gerade auf den Tisch zu, und redete folgender maßen:

»Meine Herrn! Ich höre hier so eben einige ganz unschickliche und ungeziemende Reden, die eine Dame, welche sie alle kennen, beleidigen. Ich weiß nicht, wer von Ihnen sie ausgesprochen hat, doch ich erkläre Ihnen hierdurch, daß ich die Redner, falls sie das nicht unleugbar beweisen können, was sie gesagt haben, für Männer ohne Ehre halte. Könnten sie es aber auch beweisen, so muß ich dennoch die Art, wie sie über eine Dame hinter dem Rücken derselben sprechen, für niedrig und unter der Würde eines Mannes von Stande erklären. Darnach haben Sie sich zu richten. Ich bin ein Römer, heiße Agrippinus Coloniensis, meine Wohnung ist in der Roßmariengaße.« Mit diesen Worten schritt er stolz zur Thür hinaus. Die Gesellschaft saß mit offenem Munde, und wußte nicht was sie sagen sollte. Endlich fing Hayfisch an furchtsam zu fragen: »Hat denn jemand von uns etwas gesagt, was den Herrn beleidigen könnte?« »Daß ich nicht wüßte,« erwiederte der Rath Wicke. Der Obrist-Lieutenant sah höchst verdrießlich aus und sprach kein Wort. Während dieser Pause traten mehrere Herren ein, die jedermann auf den ersten Blick an ihren Gesichtern für Kritiker erkannte. Es waren unter andern Raupenbach, der Redacteur Quark, der Poet und Kritikaster Schillibold Avecça, desgleichen Rennstein, Ruhwitz, Puckbulz, Huhn und andere; sie schienen im lebhaftesten Gespräch mit einander, setzten sich an einen etwas entlegenen Tisch und forderten Wein. Man hätte gewiß wenig von ihrem Wechselgespräch verstehen können, wenn nicht in der ersten Gesellschaft gerade eine so tiefe Stille eingetreten wäre. So hörte man ab und zu folgendes:

Quark. Das wird Aufsehn machen, lieber Rennstein, glauben Sie mir; besonders, wenn Sie, lieber Schillibold, und Sie, theurer Huhn, uns Ihren Beistand nicht entziehen.

Schillibold Avecça. Freilich! Wir halten uns zu keiner Parthei, aber unserm Humor wollen wir Luft machen.

Huhn. Mir braust es im Gehirn wie Champagner! Wenn ich nur Luft für alle Gedanken hätte!

Quark. Mir geht es eben so! Ha, wie wird das die Zeitung heben! Ich widerlege mich zehn Mal selbst, und immer gröber. Ja ich wäre im Stande und sagte mir selbst Injurien, und verklagte mich auch selbst beim Kammergericht.

Rennstein. Quark! der Gedanke ist kostbar. Wie, wenn ich dagegen das Blatt umdrehte, mich selbst in einem halben Dutzend Antikritiken immer mehr und unbegränzter lobte, nur stets meine Bescheidenheit tadelte?

Raupenbach. Auch gut! Nur nicht so vortheilhaft für den Absatz; bittre Kritik lockt die Menge an. Nichts konnte mir daher lieber seyn, als der Auftrag, den mir Caroline gegeben.

Ruhwitz. Gut, wir dienen ihr, aber lassen uns doch das Recht nicht nehmen, auch den andern dienstbar zu seyn. Hören Sie, mir fällt etwas ein! Ich habe ein kleines Epigramm auf beide. Sie müssen ein jeder eine Preisfrage thun, der sie ihren Namen unterzeichnen, und der unterzeichnete Name könnte immer gleich eine scharf satyrische Antwort enthalten, z. B. so: Henriette fragt und unterzeichnet sich.

Preisfrage.

Wer sänge eitel gern mit jedem in die Wette?

Henriette.

Darauf antwortet Caroline.

Preisfrage.

Wer zieht zu bösem Spiele gute Miene?

Caroline.

Puckbulz. Schön; mir fällt auch eins ein.

Preisfrage.

Wer zahlet gut für lobende Sonette?

Henriette.

Preisfrage.

Wer wäre gerne die erste auf der Bühne?

Caroline.

Preisfrage.

Huhn. Wer ist, frag ich, die listigste Kokette?

Henriette.

Preisfrage.

Kennt ihr die böse reizende Cocquine?

Caroline.

Quark. Ha! Ha! Ha! Lassen sie uns nur nachsinnen, so bringen wir ein Dutzend heraus! -- Aber still, ich glaube wir werden behorcht.

Sie sprachen jetzt leiser, denn der andere Tisch war wirklich aufmerksam geworden. Rennstein strich sich den Schnurrbart und schob die Brille zurecht, Raupenbach nahm eine Prise, Quark lächelte und verdrehte die Augen, halb nach dem Himmel, Puckbulz hustete, Schillibold stand auf und ging überzwerg auf dem Teppich umher. Damit wollten sie den Schein geben, als hätten sie gar kein eifriges Gespräch geführt. Die tiefe Stille, die seit der Ausforderung an dem andern Tisch herrschte, wurde jetzt zuerst wieder einigermaßen unterbrochen. Der Obrist-Lieutenant nämlich äußerte: »Meine Herrn, ich habe mir die Sache überlegt. Wir können die Rede des blassen Mannes nicht unbeachtet lassen. Offenbar war er über das ergrimmt, was wir, nämlich ich, Herr Rath Wicke und unser Freund Hayfisch über Carolinen gesagt haben. Wir müssen also alle drei zu ihm und uns näher mit ihm besprechen.« »Freilich,« rief der Hanswurst! »Wicke, ich bin Ihr Sekundant. Wir wollen den Blassen erblassen machen!« Doch Wicke saß stumm und ängstlich, und Hayfisch zitterte an allen Gliedern. Als der Hanswurst dies bemerkte fuhr er fort: »Seht, das ist männlich, Kinder, daß Euch der Grimm so blaß macht, und ihr vor Zorn kein Wort hervor bringen könnt. Ja wir wollen sehen, was der Blasse sagen wird, wenn ihn der Hayfisch angähnt! aber hört, schont des armen Menschen. Die Liebe treibt ihn zu dem Wahnsinn. Bedenkt seine Angehörigen und Verwandte, die sich schon über die Verirrung des Jünglings so betrüben; wie würden sie nicht erst trauern, wenn er verstümmelt würde, oder gar todt auf dem Platz bliebe.« »Nun meine Herrn,« unterbrach der Obrist-Lieutenant, »wann gehen wir zu dem Ausforderer? Ich bin der Meinung, daß es morgen in aller Frühe geschehen müsse, und zwar gemeinschaftlich. Ich werde Sie um sieben Uhr abholen, da ich bei ihnen vorbei muß, um nach der Roßmaringaße zu kommen. Sind sie dies zufrieden?« »Ja Bester,« stammelten beide und sahen betrübt gen Himmel.