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EPOCHE NAPOLEON

von der Bastille bis Waterloo 1815

Henriette, oder die schöne Sängerin.

Eine Geschichte unserer Tage von Freimund Zuschauer.

13. Die Wette. Die Ankommenden. Das Mittagsessen.

Nach einigen Minuten hörten sie das Gerassel eines Pferdes, und sahen Staub auf der Straße aufsteigen, die die Artillerie nicht gefahren war. Bald erkannte man einen Reuter, der in vollem Carriere daher sprengte. Als er näher kam, sah man, daß es der Rittmeister Holm von der fürstlichen Leibgarde war, der ebenfalls zu den Verehrern der schönen Henriette gehörte. Er parirte auf dem Punkt, wo die Straßen zusammen kamen, und sein erstes Wort war: »Ist der Lord Monday schon hier?« »Nein,« war die Antwort. »So habe ich hundert Flaschen Champagner gewonnen, und die hat mein Schimmel verdient, dafür soll er auf Ehre das ganze Jahr reinen Hafer fressen! Aber zum Teufel, der Lord kommt ja noch nicht? Zu sehn müßte er doch wenigstens seyn.« »Was hats denn gegeben, lieber Rittmeister?« fragte der Obrist-Lieutenant. »Wir haben gewettet, wer der Erste hier seyn würde. Vom A. Platz sind wir zugleich ausgeritten. Ich durchs F-- Thor, er durch St-- Thor. Sein Weg ist etwa hundert Schritt länger als der meinige, aber die hat er auf seine braune Stute gerechnet. Hier war das Ziel der Wette. Wer zuerst ankäme, sollte den andern hier erwarten. Ich kann mir nicht anders denken, als daß er gestürzt seyn muß, denn ich hoffte auf meine Ehre nicht die Wette zu gewinnen, weil die Stute ein kapitales Pferd ist. Mein Schimmel ist auch keine Kuh, im Gegentheil ein äußerst braves Pferd, aber die Stute!« Hier unterbrach ihn Werner: »Da es wahrscheinlich ist, daß der Lord gestürzt sey, so dächt ich, machten wir uns auf den Weg ihm entgegen!«

»Ja, auf Ehre, Sie haben Recht, mein Liebster,« sprach der Rittmeister, »der arme Kerl hat vielleicht ein Unglück gehabt. Ich werde sacht voraus traben, mein Pferd darf sich so nicht rasch abkühlen. Sie sind doch meine Zeugen, daß ich zuerst hier gewesen bin?« Damit trabte er die Chaussee hinunter. Doch ehe er noch hundert Schritte geritten war, sah man schon den Lord um die Ecke des Weges reiten. Sein Pferd jagte ebenfalls ventre à terre. Als er den Rittmeister ansichtig wurde, parirte er und ritt ihm im Schritt entgegen. Beide kehrten zusammen um, und der Rittmeister schien vor Lachen bersten zu wollen. Denn er saß auf dem Pferde und hielt sich beide Seiten, indem er den Oberleib immer auf und nieder beugte. Endlich vereinigten sich die Reuter mit der Gesellschaft, und nun erzählte der Lord sein Unglück. »Goddam,« rief er, »die verteufelte Artillerie. Ich kam wie ein Wetter die Chaussee herunter geritten, da versperrte mir die Kolonne den Weg. Ich schrie. Platz! Platz! Aber alle Kanonier sind taub wie Holz. Ich wollt’ es wagen und an der Seite vorbei reiten, obwohl ich einen Fuß dabei lassen konnte, allein meine verwünschte Stute scheute sich vor den Kanonen, denn ich habe sie einmal beim Maneuvre zu nah in den Schuß geritten, sie prallte zurück, bäumte sich, überschlug sich, und da lag ich im Staube. Die Leute halfen mir dann wieder auf und klopften mir den Staub ab. Aber die Wette ist verloren.« Der Obrist-Lieutenant äußerte sein Bedauren über dieses Mißgeschick, und fragte, woher denn der Lord die rothen und blauen Streifen im Gesichte habe, die sogar an einigen Stellen ein wenig mit Blut unterlaufen zu seyn schienen? »Ich muß mit dem Gesicht durch die Pappelzweige gestreift seyn,« erwiederte der Lord und wurde etwas roth; Werner maß die Höhe, in der die Zweige anfingen und schüttelte den Kopf. Der Rittmeister konnte nicht aufhören zu lachen, und rief, einmal über das andere: »Die Artillerie soll leben!« Ein Reitknecht des Lords, der mittlerweile nachgekommen war, nahm ihm und dem Rittmeister die Pferde ab. Darauf setzte die ganze Gesellschaft sich wiederum auf die Bank an der Ecke, um die Theilnehmer der Landparthie ankommen zu sehn. Zuerst rollte ein Whisky herbei, auf welchem Regenbogen in der zierlichsten Sommerkleidung saß. Die untere Hälfte seines eleganten Ichs war weiß, die obere hellgrün; ein silbergrauer Pariser Strohhut schützte ihn vor der Sonne; eine Badine spielte nachläßig in seiner Hand. Man konnte die Toilette nicht geschmackvoller wählen. Dies Zeugniß hatte er sich, als er vor dem Einsteigen noch einmal in den Spiegel schaute, selbst gegeben, indem er ausrief: »Regenbogen, du siehst aus wie die Grazie der ländlichen Gefilde!« Hinter diesem rollten der Hanswurst und Hemmstoff, auf deren neugierigen Gesichtern man die Frage nach dem Duell las. Die stolze Miene des Siegers Hayfisch, denn dafür hielt er sich, bezeugte ihnen, daß ihm kein Haar gekrümmt sey. Jetzt fuhr der Director Brückbauer mit seiner Gemahlin und Augusten an den Herrn vorüber und ins Dorf hinein. Wicke und Hemmstoff grüßten höflichst beflissen, doch Auguste erwiederte das Kompliment sehr kalt. Nach einigen Minuten rollte auch der Regisseur mit zwei Damen vom Theater herbei, und rasselte vor das Wirthshaus. Mehrere uns unbekannte Familien mögen unbekannt bleiben. Ganz zuletzt kam unser Freund, der Abbe, der ein Frühstück, zu dem er bei einer alten Freundin, der Frau von W. geladen war, nicht hatte im Stich lassen wollen. Als man ihn deshalb neckte, sprach er: que voulez vous? Est ce que le prêtre doit être le premier dans l’eglise? -- Wir lassen nun die vereinigte Gesellschaft gemächlich ins Wirthshaus gehn und sich an die Tafel setzen. Der Lord wollte Henrietten zu Tisch führen, allein sie erwiederte ihm ausweichend: »Ihro Herrlichkeit, ich darf nicht vergessen, daß ich Gäste habe,« nahm Werners Arm, der auch Wilhelminen führen mußte, und ließ zur Linken ihre alte Pflegerin sitzen. Wicke hatte Augusten den Arm geboten, doch sie entschuldigte sich damit, daß sie zu Brückbauer gehöre, und ließ ihn stehn. Hemmstoff wußte, daß es ihm nicht besser gehen würde, daher fürchtete er sich einen Versuch zu machen. Er hielt sich also zum Abbe, der sich wieder an das Essen und die Flasche zu halten dachte. Sie paßten überhaupt beide vortrefflich zusammen. Nicht allein wegen ihrer ähnlichen Neigungen und gastronomischen Bestrebungen, sondern auch weil von beider Haupt ein lichter Mondschein (der Heiligenschein der Lebemänner) herabdämmerte. Da der Lord mit dem Gestirne seiner Liebe nicht in Conjunktion kommen konnte, so hatte er die Stellung im Gegenschein für die vortheilhafteste gehalten, und sich gerade gegenüber gesetzt. Von diesem Platze bestrahlte er sie mit feurigem Blicke und strömte eine Lavafluth von begeisterten Reden aus, die das Herz seiner Göttin bei ihm erwärmen sollte. Doch Werner wußte geschickt mitunter einen Eiszapfen in des Lords glühenden Busen zu stecken, der ihn sichtlich fast erstarren machte. So fragte er ihn z. B. einmal mitten in der Rede, ob nicht der Graf Klammheim aus W. angekommen sey; er habe gestern eine Equipage mit der Livree desselben fahren sehn. Der Lord, mochte er nun glauben, daß er angeführt worden sey, oder daß ein Mißverständniß obgewaltet habe, mußte diese Erinnerung höchst verdrießlich empfinden. Denn er hatte eine halbe Ahnung, daß er doch vielleicht ein wichtiges Gespräch versäumt haben möge, und fühlte sich nicht vorwurfsfrei, indem er weder, wohin er geritten war, in seinem Hotel hinterlassen, noch sich näher erkundigt hatte, ob der Graf wirklich angekommen sey. Deshalb stockte plötzlich der Strom seiner Rede, und er antwortete nur kurz: »Ich habe auch davon gehört, es mag aber ein Mißverständniß seyn; bei mir ist er noch nicht gewesen.« Nach einigen Minuten richtete er wieder eine starke Apostrophe an Henrietten. Plötzlich fuhr Werner dazwischen. »Ach, Sie wissen noch gar nichts von dem Unglück Ihrer Herrlichkeit! Sehen Sie, Sie haben eine Wette verloren und sind noch dazu vom Pferde geworfen worden, und was das schlimmste ist, in die Zweige der Pappeln hinein. Sehn Sie nur die rothen Striche auf Ihrer Herrlichkeit Antlitz; das sind die Spuren davon!« »Das thut mir leid,« sagte Henriette aufrichtig, »nur begreife ich nicht,« fügte sie unschuldig hinzu, »wie sie in die Pappelzweige gerathen sind. Die scheinen mir doch viel höher zu seyn als ein Reuter.« »Ei,« rief Werner, »das Pferd hat ihre Herrlichkeit vermuthlich erst hoch in die Luft geworfen!« »Das muß ein schrecklicher Fall gewesen seyn,« bedauerte Henriette. »Eine Kleinigkeit, passons la dessus,« erwiederte der Lord, »Sie sehn, ich bin ganz wohl.« Doch dies schien nicht wahr zu seyn, denn plötzlich wurde er blaß und roth, und kam fast außer Faßung. Unmöglich konnte die Ursach davon die seyn, daß der Artillerie-Hauptmann, der noch nach Strahlheim zu kommen versprochen hatte, eben unvermuthet in den Saal trat. Doch ließ sich nichts anders ersinnen, was Sr. Herrlichkeit so in Unruhe hätte setzen können; es mußte daher wohl die Erinnerung an den Fall, und den damit verknüpften Verlust und Aerger seyn, die durch die Erscheinung des Artillerie-Offiziers aufs neue höchst lebhaft erweckt wurde. Auch der Hauptmann war erstaunt, erwähnte indeß nichts von dem Vorfall (vermuthlich aus Delikatesse) und nahm neben dem Obrist-Lieutenant Platz. Die letzt erzählte Agitation hatte den Lord ganz einsilbig gemacht, und es ist eben weiter nicht viel von ihm zu erzählen. Die ganze Tafelzeit verstrich überdies unter unbedeutenden Gesprächen, so daß wir sie kurz überspringen können. Den Kaffee nahm die Gesellschaft auf dem Balkon ein.