Henriette, oder die schöne Sängerin.
Eine Geschichte unserer Tage von Freimund Zuschauer.
16. Trübe Wolken. Die verschmähten Liebhaber.
Indeß waren mehrere Wochen verstrichen, während unsere Bekannte ihr altes Treiben fortsetzten. Sie flogen bei Henrietten aus und ein, nur der Lord erschien nicht; man erzählte, er sey ins Bad gereist. Werner und Henriette blieben im stets vertrauten Einverständniß und bereiteten im Stillen alles zu ihrer häuslichen Einrichtung vor; denn nur noch wenige Wochen, und Henriettens Verpflichtungen waren abgelaufen. Bisweilen schien Werner unruhig; doch wich er Henriettens Nachforschungen aus. Eines Morgens kam er indeß ganz früh zu ihr, und zeigte ihr an, daß er ihr etwas Wichtiges zu entdecken habe. Sie war gespannt zu hören, und er erzählte ihr Folgendes: »Ich hegte bisher die Hoffnung, theuere Henriette, Dir in Beziehung auf Deine äußere Lage mehr erfüllen zu können, als ich Dir versprochen, denn mein Vater ist ein sehr reicher Mann. Ich wollte Dir das nicht entdecken, weil ich Dir nicht eitle Hoffnungen rege machen wollte, denn diese wären es, wie die Erfahrung mir bestätigt hat, gewesen. Mein Vater hat eine entschiedene Abneigung gegen den Stand, den Du selbst nicht liebst, und glaubt an keine völlige Reinheit der Gesinnung unter den Mitgliedern desselben. Daher hat er sich entschieden gegen unsere Verbindung erklärt. Seine Worte lauten fest und unwiderruflich, denn ich kenne ihn, so:« (Hier nahm er einen Brief aus dem Busen und las Henriette folgende Stelle vor.)
»Was Deine Verbindung anbetrifft, so bist Du mündig, und kannst thun, was Du willst. Daß ich entschieden dagegen bin, konntest Du wissen; ebenso aber weißt Du auch, daß nicht die gewöhnlichen Vorurtheile vom Unterschied der Stände und des Vermögens mich bestimmen. Meine Entscheidung gründet sich auf eine reife Ansicht und auf feste Grundsätze der Sittlichkeit, besonders in Beziehung auf den weiblichen Charakter. Willst Du, trotz meines väterlichen Rathes, den Träumereien der unbesonnenen Jugend folgen, so thust Du es auf eigene Gefahr; die Familie soll dadurch aber, dies ist mein unabänderlicher Wille, nicht im mindesten gekränkt oder beeinträchtigt werden. Ich ersuche Dich also, Dich mit Deiner künftigen Frau fern von uns zu halten, auch keine Ansprüche an mein Vermögen machen zu wollen, was ich Deinen Geschwistern, denen der Wunsch und der Wille ihres Vaters theurer war, als Dir, zuwenden will. Uebrigens zürne ich Dir nicht, sondern will nur, daß Du auch alle Folgen Deines Schrittes zugleich mit tragen sollest. Liebst Du wirklich, und ist Deine Erwählte das, wofür Du sie hältst, so wirst Du reichlich entschädigt seyn. Sollte uns das Geschick zusammenführen, so werde ich Dich allein nicht mit Widerwillen sehen, denn ich schätze Vieles an Dir, selbst die eigensinnige Festigkeit, die mirs gewiß macht, daß meine Antwort Deinen Entschluß nicht ändern wird. Anbei erfolgen die Papiere, die Dich in den unbeschränkten Besitz Deines mütterlichen Vermögens setzen.« --
»Dies schreibt mir mein Vater,« fuhr Werner nach einem langen Stillschweigen fort. Henriette sank ihm an das Herz und lispelte: »Theurer, Du bringst mir ein großes Opfer, das Dich gereuen wird; laß ab von mir, ich fühle mich nicht würdig genug, Dir das zu ersetzen, was Du verläßt.« »Meine Liebe,« sprach Werner freundlich, »traust Du selbst Dir nicht einmal das zu, was doch mein Vater Dir zutraut? Er sagt, Du werdest mir eine reiche Entschädigung seyn, wenn Du so bist, als ich Dich halte, unschuldig und liebevoll. Und das bist Du! -- Ich war auf diesen Brief gefaßt; meine Hoffnung, daß er anders seyn würde, war so schwach, daß ich ihre Zerstörung für nichts rechnen kann. Ich bin so glücklich, wie zuvor, und hege allen Muth und alle Zuversicht, die ich je gehabt habe, noch frisch und freudig im Herzen. Ja selbst mein Vater, so hoffe ich, wird seinen starren Sinn beugen, wenn die Folge ihn lehren wird, daß seine Grundsätze über Frauentugend und die nothwendigen Eigenschaften einer Gattin durch Dich nicht leiden, sondern strenger befolgt werden, als er in der Wirklichkeit jemals gesehen hat.« »Ich will Alles thun, was ich vermag, um mir seine Achtung und Liebe zu gewinnen,« erwiederte Henriette, und legte ihre Hand versprechend in Werners. »Die Gelegenheit dazu, meine Liebe, wird Dir früher werden, als Du denkst, denn wahrscheinlich trifft mein Vater in einigen Wochen hier ein,« erwiederte dieser, indem er sie zärtlich umarmte. »Ich weiß, daß Geschäfte ihn hieher führen. Vielleicht, daß seine Gegenwart Alles zum Besten wendet. Doch hoffe ich wenig davon, weil ich ihn darin genau kenne, daß kein äußerer Reiz und kein fremdes Urtheil ihn bestechen. Ob er aber selbst Gelegenheit haben wird, redlich zu prüfen, ob es ihm darauf ankommen wird, sie zu suchen, das will ich nicht entscheiden. Laß uns nun für jetzt annehmen, daß nichts in unserer Lage sich ändern werde und darnach unsere Maßregeln treffen.« Sie besprachen sich jetzt näher über das, was zu thun sey, um die Pläne, die wir im Allgemeinen kennen gelernt haben, auszuführen, und setzten vieles Einzelne, was für uns von geringerem Interesse ist, fest. Das Wesentlichste war, daß der Tag zu Henriettens Concert, in dem sie Abschied vom Publikum nehmen wollte, in drei Wochen festgesetzt wurde. Erst nach diesem wollte sie ihre Verbindung mit Werner öffentlich bekannt machen; bis dahin gab sie nur an, daß dringende Beweggründe sie nöthigten, das Theater zu verlassen.
Wie ein Lauffeuer verbreitete sich diese Nachricht durch die Stadt und erregte die verschiedenartigsten Empfindungen. Der größte Theil des Publikums bedauerte es, die treffliche anmuthreiche Künstlerin zu verlieren; doch da auch ihre Persönlichkeit große Theilnahme erregt hatte, so wünschte man von vielen Seiten, daß eine erfreuliche Ursache sie bewegen möchte, der öffentlichen Ausübung der Kunst zu entsagen. Daß es eine Verbindung sey, vermuthete man natürlich. Den angenehmsten Eindruck machte die Nachricht aber auf Carolinen und Augusten, die die verhaßte Nebenbuhlerin verloren. So ließen sie es auch gern geschehen, daß Rennstein, der poetische Kritiker, ein Abschiedssonett an Henrietten dichtete, welches Quark in Musik setzte und es ihr dedicirte. Am seltsamsten wirkte die Nachricht auf zwei unserer Bekannten, Hayfisch und Wicke. Beide hatten schon seit langer Zeit den halben Entschluß mit sich getragen, um Henriettens Hand zu werben. Daß sie vom Theater abging, traf sie wie ein Blitz, denn nun ließ sich vermuthen, daß sie sich irgend einem Glücklichen verlobt habe. Sie riethen hin und her, und kamen endlich auf die seltsame Idee, einander in Verdacht zu haben. Hayfisch hielt Wicken für den Begünstigten, und dieser ihn. Ein Jeder von ihnen glaubte aber, daß er dem Andern den Rang streitig machen dürfe, deshalb kamen Beide auf den Entschluß, den Versuch zu machen, ob sie vielleicht einander ausstechen könnten. Eines Morgens erhielt Henriette daher folgende zwei Briefe, die sie, obwohl sie ihr nicht angenehm seyn konnten, doch nicht ohne Lächeln las. Der erste lautete so:
Angebetete Henriette!
Tausend Qualen hat dies Herz um Sie gelitten, doch die Angst, in der es jetzt schlägt, übersteigt alles Vorige um so viel, als ihre Schönheit alles überstrahlt, was man bisher schön genannt hat. Sie wollen Abschied von uns nehmen? Sie wollen fliehen? Wohin? Wohin? Glauben Sie mir, es giebt keinen sicherern Zufluchtsort für Sie, als meine Brust. Für Sie habe ich das Herz dem mörderischen Stahl Preis gegeben, an jenem Tage, wo das Geschick uns allen mit Vernichtung drohte. So litt ich damals in Strahlheim zwei Mal für Sie den Tod, und jetzt leide ich ihn zum dritten Male, wenn Sie mich verstoßen und vielleicht ein Nebenbuhler mich durch ein vorschnelles Wort überlistet hat. Schwieg ich bisher, so war es meine Bescheidenheit. Daher verwerfen Sie jetzt mein Herz nicht, da es noch nicht zu spät ist, und haben Sie gleich einem Andern früher zugesagt, so ist meine Liebe doch älter, und ich hoffe auf ihr beseligendes Jawort. Lassen Sie sich, dies füge ich noch hinzu, nicht durch den Stand verführen. Was ist ein Rath! Oft weiß er sich selbst nicht zu rathen. Ich aber bin reich und kann Sie glücklich machen.
Ihr getreuester von Hayfisch.
Der zweite kürzere war von Wicke:
Himmlisch süße Henriette!
Ich lese Tod in Ihren Blicken. Sollte es wahr seyn, sollten Sie Ihre Huld an ihn verschenkt haben, der nur Gold für Liebe bieten kann? Ich biete Ihnen Blut und Leben. Fordern Sie, was Sie wollen, nur seyn Sie die Meine. Ich bin Rath, doch ich weiß mir selbst nicht zu rathen! Mein Kopf fiebert, mein Herz bebt, meine Augen weinen, -- -- kurz, ich liebe Sie bis zur Verzweiflung. Retten Sie mich, oder ich sterbe. Was wäre ein übereiltes Wort für eine Fessel, wenn die Rücknahme desselben Sie in das wahre Paradies der Liebe führen könnte? Geben Sie mir ihre Hand und Sie sollen in dies Paradies kommen, denn nur dort blüht
Wicke, Ihr ewiger Anbeter.
Auf beide Briefe antwortete Henriette, daß sie den Freiern nicht angehören könne, und aus Gründen das Theater verlasse, die sie erst in künftiger Zeit enthüllen dürfe. -- Zufällig speisten den Mittag, als sie die Antwort ertheilte, beide zusammen beim Hoftraiteur. Das Unglück macht zu Vertrauten, sie gestanden einander ihr Schicksal, und schwuren, die Sirene zu meiden und zu Carolinen und Augusten zurückzukehren. Auf der Stelle wollten sie ihren Plan ausführen, und fuhren bei Carolinen vor. Doch diese ließ ihnen, da sie sich melden ließen, hinaussagen, sie nähme keinen Besuch an. Höchst betroffen stiegen sie wieder in den Wagen und fuhren zu Augusten, die am Fenster stand, als der Wagen vor der Thür hielt. Als sie die Treppe hinaufkamen, hörten sie die erbitterte Schöne zu ihrem Mädchen sagen: »Wenn der Rath Wicke und Herr von Hayfisch kommen, so bin ich nicht zu Haus.« Das war genug. Zum Schein gingen Beide eine Treppe höher, fragten nach Jemand, der gar nicht im Hause wohnte, und setzten sich dann wieder in den Wagen. Doch an Augustens satyrischem Lächeln, die, während sie einstiegen, sich dreist wieder an’s Fenster gestellt hatte, merkten sie wol, daß sie durchschaut waren. Voll Verdruß fuhren sie nach Wickes Hause. Hier trat der Bediente dem Rath mit einem Billet, das so eben angekommen seyn sollte, entgegen. Es war von Carolinen und enthielt die lakonischen Zeilen: »Ich habe gehört, Herr Rath, wie Sie und einige andere Herren sich öffentlich über mich geäußert. Meine Würde verbietet mir, Besuche von Herren anzunehmen, die solche Urtheile über mich ins Publikum bringen. Daher werden Sie mich nie mehr zu Haus treffen!« Wicke las voller Zorn und gab dann den Zettel seinem Freunde, indem er sagte: »Es wird Ihnen die Mühe sparen, den Liebesbrief zu Haus zu öffnen.« Und er hatte Recht, denn eine wörtliche Kopie war bei Hayfisch und beim Obristlieutenant abgegeben worden. Daß der Vorfall beim Hoftraiteur Carolinen bekannt geworden seyn mußte, ging deutlich daraus hervor. Noch mehr Folgen, deren wir später gedenken werden, hatten sich zum Erstaunen der Residenz daran geknüpft, wurden jedoch erst nach einiger Zeit bekannt.