Friedrich Rückert (1788-1866), der große Dichter und Übersetzer, hat sich auch mit dem deutschen Mittelalter beschäftigt. Ein Ergebnis dieser Beschäftigung ist eine kurze Dichtung, die vom mittelalterlichen Tristan-Roman ausgeht und einen kurzen Abschnitt aus Tristans Jugend wiederaufgreift und ganz neu erzählt. Tristan, der wegen seiner außerordentlichen Fähigkeiten und seiner großen Schönheit entführt wurde, findet sich allein und verzweifelt in einem fremden Land wieder – und schafft es durch seine Gewandtheit und sein höfisches Wissen, an einem fremden Hof aufgenommen zu werden. Die Forschung hat dieses Werk Rückerts bislang nicht sonderlich beachtet, und auch Rückert scheint es mit gemischten Gefühlen zu betrachten, wenn er den von fremder Hand gegebnen Titel „Jung-Tristan" als einen »empfindliche[n] Misston für ein durchaus nicht mittelalterndes Gedicht« betrachtet.
Mit dem Mittelalter will Rückert also nicht recht etwas zu tun haben – und tatsächlich hat er in seiner Fassung des Stoffs fast alles verändert, was die besondere Qualität der Vorlage ausmacht: Jeder Hinweis auf die grenzen überschreitende und gesellschaftsgefährdende Liebe von Tristan und Isolde ist getilgt, und die Skrupellosigkeit, die die außergewöhnlichen Hauptfiguren bei Gottfried von Straßburg (gest. um 1215) auszeichnet, hat Rückert ganz in ihr Gegenteil verkehrt. Der Vortrag will von diesen Veränderungen ausgehen und eine kleine Poetik der rückertschen Nacherzählung und der Vorlage von Gottfried von Straßburg entwickeln – und er will zeigen, was moderne Leser von Rückert und Gottfried lernen können: Dass gute Literatur immer fesselt, gleich, ob sie um das Jahr 1210 um das Jahr 1850, oder im Jahr 2008 geschrieben wurde.
Biographisches zu Dr. phil. des. Martin Schuhmann:
Er wurde 1971 in Schweinfurt geboren, wuchs in Gochsheim auf und entschloss sich nach kaufmännischer Lehre bei Fichtel und Sachs und einem Betriebswirtschaftsstudium in Würzburg noch einmal Germanistik mit dem Schwerpunkt »Deutsche Literatur um 1200« zu studieren. 2007 schloss Schuhmann eine Doktorarbeit zum Thema »Figurenrede bei Wolfram von Eschenbach« ab; seit 2007 ist er Akademischer Leiter der Studierenden-Beratungsstelle am Fachbereich »Neuere Philologien« der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität.
Veranstaltungsinformation:
»Rückert und sein ungeliebter Tristan«
Donnerstag, den 31.01.2008 | 19:30 Uhr
Museum Otto Schäfer
Judithstraße 16 | 97422 Schweinfurt
