Franz Gerhard Wegeler
* 22.08.1765 in Bonn
† 07.05.1848 in Koblenz

Franz Gerhard Wegeler wurde am 22.08.1765 in Bonn geboren. Sein Vater war Peter Joseph Wegeler (1726–1791), ein angesehener Hof- und Gerichtsadvokat, Mitglied des Bonner Stadtrates und Rat bei der kurfürstlichen Verwaltung. Seine Mutter Anna Maria Bongardt (1736–1807) entstammte einer angesehenen bürgerlichen Familie aus dem Rheinland. Franz Gerhard wuchs in einem bildungsnahen, katholischen Elternhaus auf, das ihm früh Zugang zu humanistischer Bildung und zur Musik verschaffte, einer Leidenschaft, die er mit seinem späteren Freund Ludwig van Beethoven teilte.
So empfahl er der Witwe Helene von Breuning den jungen Musiker als Musiklehrer für ihre Kinder Eleonore und Stefan. Wie so oft in der Zukunft schwärmte er auch von der jungen Klavierschülerin, doch blieb diese Liebe unefüllt.
Nach dem Besuch des Bonner Gymnasiums, das damals unter der Leitung der Jesuiten stand, immatrikulierte sich Wegeler im Jahre 1783 an der Universität Bonn zum Studium der Medizin und Naturwissenschaften. Die Bonner Universität befand sich zu jener Zeit im Aufbau; sie war erst 1777 durch Kurfürst Maximilian Franz gegründet worden. Hier lernte Wegeler früh mit Vertretern der aufklärerischen Medizin in Berührung zu kommen, die sich an modernen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen orientierten.
1787 wechselte der Medizinstudent an die Universität Wien, um seine Studien fortzusetzen und die dortige medizinische Fakultät, eine der führenden Europas, zu besuchen. Während seines Aufenthalts in Wien knüpfte er enge Kontakte zu Ärzten der Josephinischen Medizinischen Schule, deren reformorientierte Lehre unter Kaiser Joseph II. neue Maßstäbe setzte.
Nach seiner Rückkehr nach Bonn promovierte er an der Universität Bonn und ihm wurde im gleichen Jahr noch die Professur für Geburtshilfe und Gerichtsmedizin übertragen. Im Jahre 1793 wurde er, gerade 27jährig zum Rektor der Universität gewählt, er war auch als praktischer Arzt in Bonn tätig.
Seine Tätigkeit endete jedoch bald infolge der französischen Besetzung des Rheinlandes (1794/95), welche das kurfürstliche Bildungswesen auflöste und viele akademische Laufbahnen aus der kurfürstlichen Zeit zerstörte. So verließ Wegeler Bonn, um sich vor den französischen Besatzern in Sicherheit zu bringen..
Der Mediziner floh nach Wien, wo er sich bis zum Jahre 1796 aufhielt. In dieser Zeit pflegte er bereits intensiven Umgang mit seinem Bonner Jugendfreund Ludwig van Beethoven., wo sie sich 1796 letztmalig persönlich begegneten. Während des Wiener Aufenthalts verfasste Wegeler zahlreiche medizinische Abhandlungen.
Im Jahre 1796 kehrte er jedoch nach Bonn zurück, wo er zunächst weiterhin an der Universität unterrichten konnte, ehe diese im Jahre 1798 durch die französische Regierung geschlossen wurde. Nach einer kurzen Phase als praktischer Arzt erhielt er eine Anstellung als Lehrer für Entbindungslehre an der neu geschaffenen Zentralschule zu Bonn.
Im Jahre 1804 wurde ihm die Leitung der Hebammenschule in Bonn übertragen. Im gleichen Jahr übernahm er auch noch einen Sitz im Bezirksausschuss für Pockenimpfung des Arrondissements Bonn und drei Jahre später folgte seine Berufung in den Zentralausschuss der Pockenschutzimpfung des Departements Rhein-Mosel.
Mit der Berufung verließ Wegeler Bonn und siedelte sich in Koblenz an. Dort übernahm er im Jahre 1810 die Leitung der Medizinalpolizei des Departements Rhein-Mosel. Es war auch das Jahr, wo sein Doktorgrad der Universität Bonn nach französischen Recht anerkannt wurde, und so führte er den Titel eines Docteur en médicine und Docteur en chirurgie. Kaiser Napoléon verlieh dem rheinischen Mediziner im Jahre 1812 die goldene und 1813 die silberne Verdienstnadel.
Franz Gerhard Wegeler galt als ein gemäßigter Befürworter der Reformen, die durch die französische Verwaltung eingeführt wurden – etwa in den Bereichen Gesundheitswesen, Schulbildung und Bürgerrechte. Er wurde Mitglied der Bonner Freimaurerloge »Les Frères courageux«, später auch der Koblenzer Loge »Aux trois clefs«, in denen zahlreiche aufgeklärte Bürger und Beamte verkehrten.
Nach dem Ende der französischen Herrschaft und der Eingliederung des Rheinlandes in das Königreich Preußen im Jahre 1815 blieb Wegeler als angesehener Mediziner und Bürger in Koblenz tätig. Er bekleidete weiterhin die Funktion eines Kreisphysikus und später eines Obermedizinalrats, und setzte sich für die Verbesserung der medizinischen Ausbildung ein.
Im Jahre 1817 erhielt er das Eiserne Kreuz für Nichtkombattanten verliehen. Im Jahr darauf erhielt er die große Goldene Medaille. Im Jahre 1831 erhielt er den RotenAdlerorden III. Klasse vom preußischen König verliehen. Er trat 1842 in den Ruhestand.
Er war Mitglied zahlreicher medizinischer und naturwissenschaftlicher Gesellschaften, unter anderem der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte, der Bonner Medizinischen Gesellschaft und korrespondierendes Mitglied verschiedener Akademien.
Seine medizinischen Schriften befassten sich vor allem mit der Hygiene, der Bekämpfung von Seuchen und den sozialen Bedingungen der ärztlichen Praxis. Auch engagierte er sich für die ärztliche Versorgung der Armen, ein Anliegen, das ihn bis ins hohe Alter beschäftigte.
Die Freundschaft zwischen Franz Gerhard Wegeler und Ludwig van Beethoven zählt zu den bedeutendsten persönlichen Beziehungen im frühen Leben des Komponisten. Sie begann bereits in den frühen 1780er Jahren in Bonn, wo beide im Umfeld der kurfürstlichen Hofkapelle und der aufstrebenden Bonner Bildungs- und Musikszene verkehrten. Wegeler, einige Jahre älter als Beethoven, lernte den jugendlichen Musiker zunächst als stillen, zurückhaltenden, aber außerordentlich begabten Schüler kennen. Ihre Bekanntschaft wurde durch den engen Kontakt beider Familien vertieft: Die Familien Wegeler, Breuning und Beethoven gehörten demselben gebildeten bürgerlichen Milieu an, das sich im aufgeklärten Bonn unter Kurfürst Maximilian Franz entwickelte. Beethoven selbst zählte in dieser Zeit zu den regelmäßigen Besuchern des Hauses von Breuning und später auch zu denen der Familie Wegeler.
Wegeler war Zeuge jener prägenden Jahre, in denen Beethoven als Altist, Organist und Kompositionsschüler Joseph Haydns am Bonner Hof wirkte. Er beschreibt ihn in den »Biographischen Notizen« als einen jungen Mann von „Tiefe des Gemüts“ und einer Mischung aus Ernsthaftigkeit und empfindsamer Innerlichkeit, die ihn früh von seinen Altersgenossen unterschied. Auch Beethoven vertraute sich ihm an: Aus der überlieferten Korrespondenz zeigt sich, dass er den Mediziner als einen Vertrauten schätzte, mit dem er sowohl über künstlerische als auch über persönliche Fragen sprechen konnte.
Als Beethoven 1792 endgültig nach Wien übersiedelte, um dort seine musikalische Ausbildung fortzusetzen, wurde dieser Schritt von Wegeler aktiv unterstützt. Er vermittelte Unterkünfte, half bei Kontakten und kümmerte sich um die praktischen Aspekte der Reise. In Wien trafen sich beide mehrfach wieder, insbesondere während Wegelers dortiger Studienaufenthalte 1789–1792 sowie später bei einzelnen Besuchen. In Briefen aus den 1790er Jahren vertraute Beethoven seinem Freund bereits erste Hinweise auf seine zunehmende Schwerhörigkeit an. Der berühmte Brief vom 29.06.1801 an Wegeler gilt heute als die früheste authentische schriftliche Selbstbeschreibung von Beethovens beginnender Ertaubung:
Verstehende Menschen wie du werden nicht wundernehmen, wenn ich dir sage, daß ein bösartiger Dämon mir den schönsten Teil meines Daseins weggenommen hat, meinen Gehörsinn.
Dieser Brief ist für die Beethoven-Forschung von zentraler Bedeutung, da er den psychischen Zustand des Komponisten zu Beginn seiner Krise präzise dokumentiert. Wegeler analysierte in seinen späteren Erinnerungen das Krankheitsbild aus medizinischer Perspektive und gilt daher als eine der zuverlässigsten zeitgenössischen Stimmen zur Frage von Beethovens Gehörleiden.
Die Freundschaft setzte sich über Jahrzehnte hinweg fort. Obwohl Beethoven später engeren täglichen Umgang mit anderen Freunden in Wien pflegte (wenngleich diese Beziehungen oft wechselhaft waren), blieb die Verbindung zu Wegeler konstant. Der Austausch war durch gegenseitiges Vertrauen geprägt, und Beethoven sah in Wegeler eine seiner wenigen lebenslangen Bezugspersonen.
Als Ludwig van Beethoven 1827 starb, war Wegeler tief betroffen und begann – gemeinsam mit Ferdinand Ries – das zu verfassen, wofür er bis heute bekannt ist: die »Biographischen Notizen über Ludwig van Beethoven« (1838).
Dieses Werk, das neben persönlichen Erinnerungen auch Briefe, Anekdoten und Beobachtungen enthält, stellte die erste umfassende authentische Lebensbeschreibung des Komponisten dar und prägte für das 19. Jahrhundert das Beethoven-Bild entscheidend. Die Notizen enthalten wertvolle Informationen über Beethovens Bonner Umfeld, seine Familie, Lehrer (u. a. Neefe), sozialen Beziehungen sowie über seine psychisch belasteten Jahre der beginnenden Taubheit.
Wegeler betrachtete die Bewahrung von Beethovens Lebensgeschichte als moralische Verpflichtung. In seinem Vorwort schreibt er, die Freundschaft habe ihn »durch das Leben begleitet« und ihm die Aufgabe auferlegt, »die Wahrheit über den Menschen Beethoven festzuhalten.« Ohne Wegelers Erinnerungen wären viele Details der frühen Biographie des Komponisten unwiederbringlich verloren.
1802 heiratete er Eleonore von Breuning (1771–1841), die aus einer angesehenen Bonner Familie stammte und in ihrer Jugend ebenfalls mit Beethoven befreundet war. Diese Verbindung zwischen den Familien Wegeler, Breuning und Beethoven ist vielfach dokumentiert und prägte Wegelers späteres Leben entscheidend.
Franz Gerhard Wegeler starb am 07.05.1848 in Koblenz im Alter von 82 Jahren. Er wurde auf dem Alten Friedhof in Koblenz beigesetzt, wo sich sein Grab bis heute befindet. Seine Ehefrau Eleonore war bereits 1841 verstorben; das Paar blieb kinderlos.
Er gilt als eine der wichtigsten Quellen zur frühen Biographie Ludwig van Beethovenss und als Vertreter der aufgeklärten rheinischen Ärzteschaft im Übergang von der kurfürstlichen zur preußischen Zeit.
Nach ihm sind in Bonn und Koblenz Straßen benannt, darunter die Wegelerstraße in Bonn-Endenich, unweit des Beethovenhauses, sowie die Franz-Gerhard-Wegeler-Schule in Koblenz.