Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores
Dritte Abteilung.
Neuntes Kapitel
Der wunderbare Doktor, das unsichtbare Mädchen und der Flötenspieler. Lenardo und Divina
So zweifelnd in sich, obgleich entschlossen zurückzureisen, kam er an dem Abende eines heißen Tages nach H ... Kaum war er ausgestiegen im Wirtshause, so fragte ihn schon ein geschäftiger Lohnbedienter, ob er nicht den berühmten Doktor zu besuchen käme. Erst jetzt erinnerte sich der Graf, daß er unbemerkt in die Atmosphäre eines Wundermannes geraten, der allen Menschen genug auf zu raten gegeben seit beinahe funfzig Jahren, ungeachtet dieses halbe Jahrhundert alle Rätsel und Wunder gänzlich verwirft. – Kann er mir auch nicht helfen, dachte er in sich, so bin ich doch dort ein Rätsel unter Rätseln; er ließ sich nach seinem Hause führen. Er mußte durch viele Gassen gehen; endlich traf er am Zusammenstoßen von dreien auf ein schiefwinklig gebautes Haus, worin jedes Fenster aus einer einzigen Scheibe bestand, die aber alle von innen durch Malerei undurchsichtig gemacht waren. Der Bediente klopfte an die Türe dreimal, ein Mann in schwarzen feinen Kleidern, in einer wunderlich festen weißen Perücke aus Glas gesponnen, mit breiter Stirn, mit tiefen grauen freundlichen Augen, alle Finger voll prächtiger Ringe, fragte nach dem Anliegen; der Lohnbediente antwortete: »Untertäniger Diener, Herr Doktor, ein fremder vornehmer Herr wünschen Ihnen die Aufwartung zu machen.« Bei den Worten zog sich der Bediente mit einer tiefen Verbeugung zurück, der Doktor winkte dem Grafen sehr freundlich hineinzutreten; nachdem dies geschehen, schloß er die Türe hinter ihm mit sieben Schlössern. Der Graf war in Verlegenheit, ihm recht eigentlich zu sagen, warum er gekommen; er hatte es aber auch weiter nicht nötig; der Doktor entschuldigte sich, daß er noch einen Augenblick zu einem Kranken gehen müsse, den er wegen eines dringenden Geschäfts, er sei Stadtausrufer, in acht Tagen von der Lungensucht kurieren müsse; er möchte inzwischen wohl genug zu sehen haben an den Merkwürdigkeiten, die im Hause ständen, nachher wolle er ihm noch einiges in den verschlossenen Zimmern zeigen, das der Mühe wohl wert sei. Der Doktor wandte sich freundlich von ihm, ging zum Hause hinaus und verschloß die Haustüre hinter sich. Der Graf sah um sich in dem farbig erhellten Zimmer; über ihm hingen an der Decke statt der Kronleuchter sehr kunstreiche Planetenuhren, in denen die Sonne mit einem wunderbaren Glanze leuchtete; der ganze Spiegel steckte voll lobpreisender Gedichte und Briefe von Menschen, denen der Doktor geholfen, auf der Seite stand eine Uhr als Urne auf einem Grabmale, und die Stunden drehten sich schön gebildet als Mädchen daran umher. Die Uhr rückte zum Schlagen in sich, da trat ein Knochengerippe aus der Wand hervor und schlug mit seiner harten Hand die siebente Stunde an der klingenden Urne; ein metallener Vogel, der auf der Urne zu schlafen schien, regte seine Flügel und sang ein Abendlied; durch alle Zimmer zuckten Drähte, die von dieser Uhr ausgingen und eine Menge Geklingel, Rauschen und Singen in Bewegung setzten. Nun war es ganz still, aber das Knochengerippe war noch nicht verschwunden; es rückte an einer Rechenmaschine, die neben ihm auf einem Tische stand; die Räder schnarrten ängstlich in dem runden Kasten, endlich wurde es still und das Gerippe verschwand. Der Graf sah jetzt nach der Rechenmaschine und fand darauf die Zahl sechsundzwanzig: es war sein Alter, und er lachte über den Zufall; doch wurde es ihm ängstlich in dem schwarzen Zimmer; es war die Zeit des Zwielichtes, wo die Undeutlichkeit des Sehens sich leicht auch der innern Empfindung mitteilen kann. Er trat in das nächste Zimmer, da trat er sich selbst tief erschreckend entgegen; doch er hatte zuviel gelitten, um durch so etwas seine Fassung zu verlieren; er sah bald, daß ein elender Hohlspiegel die ganze Überraschung gemacht hatte. Er fand sich in dem Wohnzimmer des Doktors, voll wunderbaren, aber ganz elenden Gerätes; Kaffee und Zucker stand da unter Töpfen voll brennender Farben, blauen und roten Karmins; statt eines Bettes lag da eine Strohmatte mit einem Bündel wohlriechender Kräuter zum Kopfkissen. Er schritt weiter und kam in die Küche, da stand ein kleines Töpfchen mit einer Milchsuppe, das war übergekocht und halbverbrannt; sonst war der Herd voll Retorten der abenteuerlichsten alten Gestaltung, in denen allerlei Dämpfe, wie Schatten von kleinen Menschen überdampften. Hier wurde ihm sehr öde und einsam, und was alle die künstlichen Maschinen nicht vermocht hatten: er schauderte und eine namenlose Angst ergriff ihn vor dem Leben eines ganz einsamen Menschen, der wie der letzte auf der Erde sich in seinen Träumen verliert und verwildert, an Hölle und Himmel zugleich anstößt und nicht hinein dringen kann. Er wollte ins Freie und trat in den Garten; da saß an der Haustüre ein magerer nackter afrikanischer Hund auf seinen Hinterfüßen und wie er ihn niedersenkte, gleich setzte er sich wieder in die beschwerliche Stellung; zwei ekelhafte Katzen schlichen unter kleinen alten, halbverdorrten halbbeschnittenen Bäumen umher, als gingen sie spazieren; ließen sich auch durch die Ankunft des Grafen nicht irre machen, bis eine riesenhafte Kröte aus einer gemauerten Höhle kam; da setzten sie sich stille um sie her und fingen an zu spinnen. Mit Abscheu sah der Graf dies widrige Abrichten; unglaublich, wozu ein Mensch kommen kann, auch der gelehrteste, in wunderlich eigensinniger Abgeschiedenheit; ihm war es, als sähe er sich schon so getrennt von allem Schönen, wenn er von seiner Dolores getrennt, dem Sonderbaren ganz hingegeben. Er trat aus dem schmalen Garten in ein großes Gartenhaus, das gegen den Sinn des übrigen Hauses, wo alles über und auf einander gehäuft und gelegt war, mit seinen reinen grüngemalten Wänden abstach; in der Mitte hing über einem eisernen Gitter ein kleiner Glaskasten, aus welchem vier Trompeten von Silber ausliefen. Der Kasten hing an einem dünnen Drahte; auf der einen Seite stand eine lebensgroße Figur, die eine Flöte in Händen trug, auf der andern Seite schwamm auf einem Quecksilberbecken eine metallene Ente. Noch peinigte ihn das Gefühl, ganz fremde und einsam in der Gewalt fühlloser Maschinen zu sein, die von dem Menschen geschaffen, leicht die Obergewalt über ihn bekommen könnten; er sagte trotzig laut: »Spiel Flötenspieler, wenn du was kannst!« – Der Flötenspieler setzte die Flöte sogleich an und spielte zwar etwas steif und unbequem, aber sehr künstliche Konzerte, wobei die Ente im Wasser fröhlich rauschte und von den Körnern, die an der Seite lagen, mit großer Begierde fraß. Der Graf schloß beide Augen mit seinen Händen und rief verwundert: »Wer hört hier, wer läßt sich hören, bin ich närrisch, oder ist alles nicht wahr?« Eine zarte weibliche Stimme antwortete ihm: »Närrisch sind wir alle, ich kann dich hören, du kannst mich hören.« – Der Graf sah auf: »Wer bist du?« – »Das unsichtbare Mädchen«, antwortete jetzt die Stimme aus der kleinen Trompete des Glaskastens. – GRAF: »Wie kommst du hierher, die Zeitungen erzählen ja, daß du in London eben viel Aufsehen machst.« – SIE: »Es gibt der unsichtbaren Mädchen viele, mich hält hier die Liebe fest.« – GRAF: »Liebe zu einem Unsichtbaren, oder kannst du sehen?« – SIE: »Ich sehe mehr als ihr alle, und liebe mehr als ihr alle; ich liebe den Flötenspieler.« – GRAF: »Liebt er dich wieder?« – SIE: »Ach nein, er liebt mich nicht, seitdem ich verlangte, er solle mich ganz lieben; doch was geht dich das an?« – GRAF: »Liebes Kind, es geht mich sehr nahe an, denn ich wollte auch einmal in meinem Leben ganz geliebt sein.« – SIE: »Unglücklicher, und der Mond hat doch zwei Seiten und eine, die du nie sehen kannst.« – GRAF: »Warum hast du das nicht früher eingesehen?« – SIE: »Weil ich früher nicht unglücklich war.« – GRAF: »Seit wann bist du unglücklich?« – SIE: »Seit ich in diese Stadt gekommen und der Flötenspieler in den Büchern des Alten gelesen hat; da hat er tagelang, nächtelang gelesen, und beschworen, und hat mein vergessen, da er mir doch geschworen hatte, mich nie zu vergessen; endlich schlief er ein und ich sah, daß er schwer träumte; der Schweiß lief ihm über die Stirne, da nahm ich seine Bücher, und warf sie alle ins Feuer; da wachte er zornig auf und schalt sehr und will nicht eher wieder mit mir reden, bis ich die Bücher ihm wiedergeschafft habe.« – GRAF: »Wie kommt's, daß du mir dies alles vertraut, ich hab es nicht zu wissen verlangt; werd ich es auch verdienen, sagst du es jedem?« – SIE: »Du bist der erste, dem ich es gesagt, denn du siehst wahrhaft unglücklich aus, als wäre dir die Saat deiner Liebe ganz verhagelt, und du hättest keine mehr.« – GRAF: »Sag an Flötenspieler, ist alles so wahr, wie mir das liebe Mädchen gesagt?« – SIE: »Er spricht niemals, zuweilen singt er aber, wenn er recht betrübt; er setzt an: hör zu, er wird singen, und er singt so schön, so schön!« – Der Flötenspieler setzte wirklich die Flöte an, blies und sang abwechselnd folgendes Lied:
Flammenruh nach Weisheit streben
Senkt den Jünger tief in Schlaf,
Und es glüht sein innres Leben,
Als wenn Blitz die Tanne traf.
Festlich statt der schwarzen Krone
Trägt sie einen Flammenkranz,
Weihrauch träufelt von dem Throne,
Halme wirbeln rings im Tanz.
Sonst da dräuten ihm die Bilder,
Schrecklich rot und blau gemalt,
Und die Zeichen noch viel wilder
Und das Tier in Flaschen schalt;
An den tausend Messingscheiben,
Wo das Blei am Faden hängt,
Mußt er sich erst müde treiben,
Eh der Schlaf ihn süß umfängt.
Liebchen kommt nun ihn zu küssen,
Aber er vernimmt sie nicht,
Himmlisch mild die Sterne grüßen
Und er steht in vollem Licht,
Und sie setzt sich ihm zu Füßen
Und umfasset seine Knie,
Sollt sie ihn nicht wecken müssen,
Er erwachet sonst wohl nie.
Leise kam sie erst geschlichen,
Doch nun schreit sie ihm ins Ohr,
Und der Schlaf ist nicht gewichen,
Es ist ein verschloßnes Tor,
Und sie nimmt die Bücher alle,
Die ihn magisch tief versenkt,
Hat die mächt'gen Geister alle
In des Ofens Glut gesenkt.
Und der Ofen wollt sich wundern,
Schüttelt mit dem alten Kopf,
Und aus allen alten Plundern
Stieg so mancher grüne Knopf;
Wüst im Kopfe, wild zum Schelten,
Wacht er auf und schaut sie an,
Die gern alles will entgelten,
Wenn sie ihn nur retten kann.
Aber er mit wilden Tritten
Stößet Liebchen an die Erd,
Höret nicht auf ihre Bitten,
Sieht die Glut nur auf dem Herd:
»O ihr Zeichen, ihr verbrennet,
Nun ihr sie mir zugeführt,
Ach woran wird nun erkennet,
Ob die rechte ich erspürt!
Wärst du Mädchen mir ganz eigen,
Wie ein Mädchen lieben muß,
Ganz geduldig dich zu zeigen,
Wär gewesen dein Genuß;
Wär ich Mädchen dir ganz eigen,
Nimmer zweifelte ich mehr,
Sondern müßt die Kniee beugen,
Und mein Herz wär mir nicht schwer.
Herrschen nicht und auch nicht dienen,
Zweifel war mein Weltgeschick,
Nur beschwören, nicht verdienen
Läßt sich jedes Götterglück:
Weibervorwitz, wer beschwört dich,
Da es selbst nicht lieben kann,
Denn die Liebste selbst, sie stört mich,
Da ich war in ihrem Bann.«
Ehe noch der Flötenspieler sein wunderliches Lied ausgesungen hatte, war der Doktor schon herein getreten und hatte seine große Laute, zusammengesetzt aus Ebenholz und Elfenbeinstreifen, hervorgeholt und mit eingestimmt; am Schlusse sagte er: »Diesen elenden Gassenhauer habe ich noch auf der Walze gefunden, vorige Nacht habe ich aber eine große Sonate ausgearbeitet und auf eine neue Walze gesetzt, Sie sollen hören, daß die Maschine noch mehr kann.« – Bei diesen Worten eröffnete er die Figur, und wo der Graf einen Menschen versteckt gemeint hatte, waren nichts als sehr verwickelte Messingräder; im Fußgestelle war die Walze eingesteckt, die alles trieb. Der Doktor schob eine andre ein, und ein sehr künstliches Spiel überraschte den Grafen. Der Doktor, mit großer Kraft, sprang über einen Stuhl hinaus und rief: »Kommen Sie, das sind Kleinigkeiten, Sie sollen mehr sehen.« – »Ich komme wieder«, sagte der Graf zu dem unsichtbaren Mädchen, »wie soll ich dich nennen in meinen Gedanken.« – »Arnika Montana«, sagte sie leise. – Nun führte der Alte den Grafen in seine verschlossenen Zimmer, und zeigte Wunder an Wunder, aber nichts wirkte mehr auf ihn; er fühlte eine Art Schrecken, wie der Alte da unter verzauberten Menschen mit seinen Späßen lebe, die er über alles ergoß; so sagte er, als ihm der Graf den Hund zeigte, der noch immer auf den Hinterfüßen saß: »Abgelöst, mein Tierchen, wärst du gemalt, hätte es dir keine Mühe gemacht.« – Die Rechenmaschine erklärte er ihm umständlich, auch die Bewegung des Totengerippes; als aber der Graf so als müßigen Einfall sagte: »Gut, daß die Rechenmaschine im Kopfe nicht so schnurrt und rasselt, das wäre in einem Handelskomtore nicht auszuhalten!« – da ward der Alte auf einmal ernst, faltete die Hände und beschwor ihn bei allem Heiligen, solche schreckliche Gedanken der Philosophen über die Seele nicht zu glauben, das wären die Vergifter der Jugend. – »Und«, fuhr er fort, »was haben sie davon, ist wohl einer reich geworden bei solcher Philosophie; ich kaufe sie noch heute alle zusammen mit dem wenigen baren Gelde aus, was bei mir liegt.« – Bei diesen Worten schlug er die Türe eines Schrankes auf, hob einen gestrichenen Scheffel voll Gold heraus und ließ es daraus in die übrige Menge niederfallen. – Der Graf kam verwundert nach seinem Wirtshause zurück; erst hier entdeckte er, was ihn bei der Arnika Montana so verweilt hatte, es war eine Ähnlichkeit in der Stimme mit seiner Dolores, die ihn liebenswürdiger, als je, in der Nacht umschwebte: doch immer in der Gewalt eines schrecklichen Zauberers, der ihm wie der Doktor erschien.
Am andern Morgen hörte er im Wirtszimmer über den Doktor reden, der eine erklärte ihn für einen Narren, für einen Prahlhans, den er auf einem fahlen Pferde attrappiert habe. Er habe ihm nämlich einen Umschlag von einer chinesischen Tusche sauber geplättet, so daß es wie ein Blatt aus einem Buche ausgesehen, vorgezeigt, da er nun behaupte alle Sprachen zu verstehen, habe er ihm dies Blatt gezeigt und gefragt, was es besage. Mit großer Dreistigkeit habe jener ihm versichert, es sei ein Stück aus einem chinesischen Romane und es sogleich übersetzt. Lachend habe er ihm darauf gesagt, es sei aber ein bloßer Umschlag vom Tusch. Ohne in Verwirrung zu geraten, versicherte hierauf der Doktor, die Chineser pflegten, um Stellen ihrer guten Schriftsteller zu verbreiten, die gewöhnlichsten Bedürfnisse darin einzuwickeln. – Der andre gestand vieles zu, versicherte aber, daß er dessen ungeachtet einer der wohltätigsten Ärzte sei, ohne Eigennutz, und fast immer glücklich, besonders bei gemeinen Leuten, die alle an ihn glaubten; wahr sei es, daß er zwar mit seinen Kenntnissen seit zwanzig Jahren eben nicht fortgeschritten sei, daß er aber alles bis dahin um so genauer kenne. Der Graf fragte hierauf nach dem unsichtbaren Mädchen, das sich bei ihm hören lasse. – »Ja«, sagte einer, »damit hat er unsrer Stadt große Freude gemacht; die wurde hier stark besucht und keiner konnte das Wunder begreifen; da kaufte er die ganze Geschichte von dem Herzoge, der sie herumführte, niemand weiß für wieviel, und zeigte uns nachher, wie alles durch eine Röhre im Fußboden veranstaltet werde, die aus dem Nebenzimmer, wo das Mädchen verborgen, durch das Gitter in die Trompete blase, daß der Hauch und der Ton aus der letzteren zu kommen scheine. Nun sitzt ihm das Mädchen und ihr Bruder auf dem Halse; vielleicht beerben sie ihn.« – »Wird man leicht bei den eingehandelten Geschwistern vorgelassen? Ich wär doch neugierig sie kennen zu lernen«, fragte der Graf. – »Sehr leicht«, rief einer, »man muß sich nur notleidend anstellen, das Mädchen tut gerne Gutes; schön ist sie aber nicht, wie ich erst dachte. Sie wohnen in einem Hinterhause des Doktors; es ist das einzige Haus in der Gasse mit einer Einfahrt.« – Der Graf wollte eben aufstehen und zu der Unbekannten eilen, als ein Fremder ziemlich erhitzt ins Zimmer trat, der einem verwilderten Prediger nach seinem Anzuge glich, und im Hereintreten Hut und Perücke in den Winkel warf. – »Lenardo«, riefen ihm alle entgegen, auch der Graf ihn gleich erkannte, »hast du nichts mehr zu trinken auf deiner Pfarre, kommst du wieder Brüderchen?« – Wir erinnern uns seiner aus Hollins Geschichte, dessen Untergang er ohne Absicht veranlasset, oder der ihn vielmehr in scherzendem Leichtsinne fand.
»Prost ihr Herren!« sagte Lenardo, »guten Tag lieber Graf, ein andermal umarm ich euch, jetzt bin ich zu heiß; ja mit meiner Pfarre ist es aus; bestellt mir doch meinen Schneider, Herr Wirt, er soll mir einen Burschenrock machen.« – »Was heißt denn das«, fragte einer, »bringst du deine Frau auch mit auf Universitäten; da werd ich dein Stubenkamerad.« – »Sprecht mir nicht von der«, sagte Lenardo, »mit der war's nichts, zum Glück waren wir noch nicht verheiratet.« – »Erzählt doch Alter«, riefen viele. – LENARDO: »Was soll ich erzählen, es ist vorbei; die Divina habt ihr doch noch hier gesehen, ein schönes Weibsbild, das war meine Braut. Ich lernte sie im Städtchen kennen, als ich meinen Hafer verkaufte; der Hafer stach mich, ich verliebte mich, ich überredete sie und entführte sie dem prächtigen Herzoge. Das ging alles gut, ich brachte sie in mein Pfarrhaus, gab sie für eine Verwandte aus, die ich heiraten würde und die ich vorläufig zur Führung meiner Wirtschaft in mein Haus genommen. Ihr habt mich nie verliebt gesehen?« – »O ja alle Tage«, sagte einer. – »Diesmal«, fuhr er fort, »war ich ganz anders verliebt, ich wagte meine Schöne nicht anders als mit Handschuhen anzufassen; denkt euch, ich machte Verse; es bekam mir nicht sonderlich, sie wurde aber ganz krank dabei. Ihr wißt vielleicht nicht, daß sie ochsendumm war?« – »Wer sollte das nicht wissen«, sagte einer, »mich hat sie gefragt, ob die Brotkrümeln nicht ausgesät würden, um wieder Brot zu bekommen.« – LENARDO: »Das sieht ihr ganz ähnlich. Nun wurde sie krank; ich verzweifle, hole unsern Kreisdoktor Traupel; der Mann fühlt den Puls, berührt die Haut, verhält den Atem, daß ihm die Backen blau werden und die Augen heraustreten und dann bläst er langsam, als bliese er am Lotrohre, mir entgegen; meine Braut habe die Wassersucht, doch hoffe er sie zu kurieren. Denkt euch meine Wut, ich spare kein Geld, alle zwei Tage lasse ich ihn holen; aber das hilft nicht, die Jungfer Braut wird immer stärker; ich hole ihr alle Tage Gesellschaft, die Prediger in der Nähe, die mir so viel Kaffee und Bier austrinken, daß mir die Haare ausgehen möchten.« – Der Graf wollte sich hier fort schleichen, aber Lenardo rief ihm nach: »Wart doch Graf, jetzt kommt das Beste. Wir sitzen einmal, ich, zwei Prediger, ihre Frauen und Traupel in tiefer Meeresstille beisammen; meine Braut schien so beängstiget, als wenn sie jeden Augenblick ersticken müßte. ›Sollte ihr das Punktieren nicht helfen?‹ fragte ich wieder den verfluchten Traupel; er antwortete mir sehr bedeutsam: ›Sie sprechen vom Helfen, der Arzt ist nur zum Erkennen und Erleichtern des Übels gesetzt; erleichtern kann ich sie wohl durch Punktieren, aber nur durch Mazeration der Leber und Desoxidation der Haut kann ihr geholfen werden.‹ Hört nur, die beiden Ausdrücke brachten mich ganz von Sinnen; ich dachte mir, er würde sie wie einen Handschuh umkehren, um sie in Ordnung zu bringen; vielleicht machten's auch die auf dem Ofen langsam schmorenden Krankensuppen, genug es ging alles mit mir um, und die Tränen stürzten mir aus den Augen.« – »Das hätte ich sehen mögen, wie du geweint hast«, riefen viele. – LENARDO: »Wahrhaftig, ich weinte, drei Bauerweiber haben's auch noch gesehen, die mit ihren zehnfachen Röcken in die Stube wackelten, mir vom Kindtaufschmause etwas zu verehren. Die gaben auch ihren guten Rat, sprachen von einem Scharfrichter, der eine Messerspitze voll Pulver gegen die Wassersucht gebe. Traupel ergrimmte über den Quacksalber, der seine wenigen Mittel ohne richtige Erkenntnis der Krankheit austeile. – Wie er so demonstrierte, wurden wir durch ein ängstliches Geschrei der Kranken erschreckt; ich glaubte, sie ersticke, hielt mir beide Ohren zu, laufe wie ein Unsinniger im Zimmer herum und drücke den Kopf endlich gegen die Wand. Die Zeit wird mir lang in dieser Stellung; ich sehe mich um, denkt euch, da hat sich alles verändert; die Prediger lachen, der Arzt ist ganz still; die Frauen sind alle am Bette beschäftigt: ›Was ist?‹ fragte ich. In dem Augenblicke hör ich vom Bette her ein kleines Kind schreien; ich springe hin, da liegt das kleine Unwesen, meine Braut war sehr glücklich entbunden.« – Alle lachten laut auf. – LENARDO: »Ja ihr habt wohlfeil lachen, mir kostete der Spaß meine Pfarre, alle Leute wiesen mit Fingern auf mich, der Skandal war zu groß, auch war ich schon vorher durch mein Trinken und Fluchen in der Gegend verrufen; was half's, daß ich mich für unschuldig erklärte; denkt euch, das Mädchen war so ochsendumm, sie hatte von ihrem Zustande gar keinen Gedanken gehabt, sonst wär es ja leicht zu verheimlichen gewesen, das Kind war vom Herzoge.
In meiner Gutmütigkeit verzeih ich ihr alles; aber nun denkt euch noch den Spektakel in meinem Hause. Ich sollte alles tun, das Kind wiegen, die Mutter aufwarten; das war auf Ehre ein Leben, ich wette darauf, ein andrer hätte sich nicht so genommen. An einem schönen Tage, schickte der verteufelte Herzog, an den ich wegen dieses sonderbaren Ereignisses geschrieben, seinen Kammerdiener in einer Kutsche; da wurde Mutter und Kind sauber eingepackt. Nach ihrer Abreise war mir meine Kabache ganz verhaßt; ich vermöbelte alles, was ich noch hatte, schrieb ans Konsistorium, daß ich noch studieren müsse, da ich jetzt fühle meine Unwissenheit. Nun bin ich so fidel wie vorher, habe meinen halbjährigen Wechsel, will noch einmal Exegese hören, der Herr Vater wird weiter sorgen, bin ja sein einzig Kind seit meiner lieben Schwester Tode.« – Der Graf wollte wieder fortgehen. – LENARDO: »Wohin Graf?« – GRAF: »Zum unsichtbaren Mädchen.« – LENARDO: »Gut, sag ihr doch, wie es ihrer Schwester ergangen; meine Braut war ihre Schwester, oder sonst so was, ich habe nie recht nachgefragt, sie waren lange zusammen bei den spanischen Reitern.« – GRAF: »Ich werde alles bestellen.« Er wollte »Prost« sagen, aber der alte Studentenruf blieb ihm auf der Zunge kleben.
Der Graf eilte zu dem unsichtbaren Mädchen und wurde leicht eingelassen; ein schlankes, aber kränklich blasses Mädchen empfing ihn, so daß er erst bei ihrer schönen Stimme sie für dieselbe erkannte, die ihn unsichtbar gerührt hatte. Sie war sittsam gekleidet und hatte viele schwarzgebundene Bücher um sich liegen. Der Graf erklärte ihr, sein Besuch sei einzig dem Interesse zuzuschreiben, das ihr wunderbares Schicksal ihm eingeflößt habe; er würde es sich für ein Glück achten, es zu erleichtern. Arnika antwortete, daß er ihr in nichts, in gar nichts helfen könne; sie wolle ihm ihr Schicksal, da sie allein wären, ganz erzählen, um ihn davon zu überzeugen. Wir wollen es in möglicher Kürze zusammenziehen.
Arnika Montana ist die Tochter eines italienischen Kunstreiters, der seine meiste Zeit in Deutschland zugebracht hat; sie selbst ist unter dem Namen Angelique allgemein bewundert worden, doch mehr wegen ihrer Geschicklichkeit, als wegen ihrer Schönheit, welche Divina, einer andern Reiterin viel reichlicher geschenkt war. Ihr Vater kaufte das Geheimnis des unsichtbaren Mädchens; der Zulauf dieser neuen Kunst und die geringen Unkosten und Mühe dabei veranlaßten ihn, seine Pferde und Gesellschaft abzudanken; Arnika mußte bei ihrem Witze und ihrer schönen Stimme mit den Zuschauern reden; Divina, die sehr dumm war, und eine rauhe männliche Stimme in ihrem weichen Munde verschloß, spielte die schöne Stumme und zog durch ihre Schönheit vielleicht so viele Zuschauer herbei, als jene durch ihr Wunder der Unsichtbarkeit. Ein Sizilianer, der Herzog von D ..., kaufte durchreisend die beiden Mädchen und den Apparat vom Vater und trieb damit seine Späße, einen großen Hof auf allerlei Art zu necken. In einigen Tagen des Müßiggangs machte er Divina sich ganz ergeben; er wußte, daß er sie verführen konnte, zur Verführung war sie ihm noch zu einfältig. – Bei dieser Stelle unterbrach Arnika ihre Rede und fragte den Grafen, woher er den Karneol an seinem Finger habe; der Herzog habe ihn damals getragen; dies habe ihre große Offenherzigkeit veranlaßt, und ihren Wunsch, sich ganz zu erklären.
Der Graf sagte, daß der Herzog sein Schwager sei, den er aber nach den Briefen von dessen Frau für einen sehr rechtschaffenen strenggesitteten Mann halte; der Ring sei ein Geschenk von dessen Vetter, dem Marchese P ... – Sie erzählte darauf mit Achselzucken, daß sie an seiner Rechtlichkeit zweifeln müsse. – Sie gestand, daß der Herzog sie ihrem Falle sehr nahe gebracht, wenn nicht der Eintritt Florios, des Flötenspielers auf einmal ihre ganze Leidenschaft ergriffen und bestimmt hätte. Er ist der Sohn eines reichen Kaufmanns und kam aus Neugierde mit andern Handlungsdienern, die Maschine zu sehen; Arnika erblickte ihn aus dem Nebenzimmer und konnte sich nicht enthalten, zu ihm so artig, so witzig zu reden, wie sie seit der Zeit in ernsten Leiden ganz verlernt. Florio wurde ganz von ihrer Stimme ergriffen; gleich darauf trat Divina herein und ihre Schönheit ergriff ihn mit gleicher Stärke; er konnte nicht los und seine Liebe schmeichelte ihm, beide wären eins, ein und dieselbe, weil die stumme Schönheit immer erst dann in das Fremdenzimmer kam, wenn der unsichtbare Verstand zu reden aufgehört hatte. – »Mein werter Freund«, unterbrach sich hier Arnika, »warum müssen sich doch oft Geist und Körper, deren Zusammenhang mit einander den Weisesten selbst unbegreiflich, im Leben so oft getrennt sehen und nach einander schmachten; mit welcher Sehnsucht betrachtete ich oft die schönen Züge unsrer Divina und soll ich aufrichtig sein, ich hätte gern aufgehört, geistreich zu sein, hätte ich recht schön dadurch werden können.« – Der Graf sagte ihr ernsthaft, daß er es für frevelhaft halte, bei einer angenehmen Bildung nach Schönheit zu verlangen; denn mit gleichem Rechte würde dann die Schönheit nach Dauer streben und überhaupt der einzelne nach allem. – »Sie haben recht«, antwortete Arnika, »aber ich habe wohl ein Recht, zu vermissen, wodurch ich so viel verloren; und dann mußte ich es sagen, wenn ich Ihnen ein Lied Florios mitteilen wollte, das er mir leise in die silberne Trompete des Glaskästchens an einem schönen Frühlingsabende sang, und das so laut mit tausend Lebenswellen an meinem Herzen widerschlug, als schiffte es darauf in die goldene Abendruhe. Das Lied entrollte seinem Selbstgespräche, er wußte nichts davon, nachdem er wohl zwei Stunden neben der stummen Divina gesessen, ohne es zu wagen, Liebe zu gestehen, ungeachtet er mit dem festen Entschlusse dazu angekommen.
Die Uhr der Liebe
Wie die Stunden rennen
Mir an Liebchens Seit,
Auf der Zunge brennen
Lieb und Heimlichkeit;
Soll ich ihr bekennen,
Was im Herzen brennt,
Und wie soll ich nennen,
Was sie noch nicht kennt?
Herz sei doch zufrieden,
Sie still anzusehn,
Würden wir geschieden,
Müßtest du vergehn;
Schweige, noch hienieden
Ward es nicht so schön,
Daß in sel'gem Frieden
Zweie sich ansehn.
Die Wonne meines Gefühls, überschwenglich wie nimmer wieder, mußte sich Luft machen; ich