Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores
Dritte Abteilung.
Zwölftes Kapitel
Bekenntnis der Gräfin
Der mich vom Mann gewendet,
Die Sonne schien, ich baut aufs Eis,
So war ich ganz verblendet. Nun wird es heiß, fort zieht das Eis
Und meine goldnen Schlösser;
Wie ruft es doch im Flusse leis,
Da drunten wär es besser. Und wie sie in das Wasser fällt,
So wird sie festgehalten,
Der Mann, dem sie noch wohlgefällt,
Faßt ihres Schleiers Falten. »Laß mir den Schleier, halt mich nicht,
Laß still mich 'nunter ziehen,
Denn mein verstörtes Angesicht,
Das kann von Scham nur blühen.« Der Strom ist stark, sein Arm zu schwach,
Er will sie doch erfassen,
Ihn zieht verlorne Liebe nach,
Er wollte sie nicht verlassen. Kaum hörte er das noch, und schon stürzte er hinaus auf sein Zimmer, legte die Stirn gegen die Mauer, druckte die Augen ein; er fühlte sich in einem Gewebe von Ahndungen, die alle wahr geworden, daß ihm sein Leben und die Welt zu einem Chaos verschwamm; Geister gingen bei ihm aus und ein, sein Hirn war wie der Blocksberg in der Mainacht. Er sah die Sterne am Himmel und sie schienen mit ihm zu weinen; ihr Mitleid schmerzte ihn und er schloß die Laden der Fenster. Bald setzte er sich und saß im Finstern sinnend die ganze Nacht; der Unglücklichen wollte er schonen, aber die Rache an dem Marchese schien ihm Pflicht; er hätte sie auch in diesen Augenblicken nicht aufgeben können, und wäre es gleich ein Gesalbter des Herrn gewesen, der so nichtswürdig mit dem Glücke seines Lebens sich einen schönen Abend gemacht. Seine Vorstellungen verwirrten sich allmählich und verwandelten sich; er verschloß sich als die ersten Bewegungen im Hause des Tages gleiche Geschäfte ankündigten, die Mägde lachend die Treppe hinunterstiegen, um Feuer zu machen, die Bedienten anfingen Kleider auszuklopfen; er hörte das alles wie ehemals, in ihm nur war alles aus. Häufig schloß er sich früh ein, um zu arbeiten; durch eine Klappe, die er zu diesem Behufe eingerichtet, wurden ihm Frühstück und angekommene Briefe hineingeschoben. Lässig sah er darüber hin, was sich heute durch die Klappe zu ihm rückte; doch reizte ihn Kleliens Handschrift und Siegel, einen Brief zu eröffnen, der an ihn, wie alle ihre Briefe, gerichtet war. Sie erzählte mit einer heiligen Freude ihr Glück, den geliebten Herzog wieder zu besitzen; zwar sei er durch die Anstrengung der Reise noch etwas leidend, aber sie hoffe bei dem ruhigen ländlichen Aufenthalte an ihrer Seite, der jetzt das einzige Ziel seiner Wünsche geworden, ihn bald genesen zu sehen. Weiter erzählte sie umständlich, daß er von einer Wahrsagerin, Arnika Montana gewarnt worden, Sizilien nicht zu verlassen, weil ein Unüberwindlicher nach seinem Leben trachte, worauf er alle seine weltlichen Stellen niedergelegt habe, um sich eine himmlische zu erflehen. Nun da sie ihres Aufenthalts gewiß und von Geschäften fast über ihre Kräfte angestrengt werde, ladete sie zum Schluß ihn und seine Frau als ihre nächsten Blutsfreunde recht dringend ein, sie auf den Trümmern einer großen alten Welt in einer blühenden neuen zu besuchen, insbesondere da ihr Mann, der Herzog, unter dem Namen eines Marchese D ... ihrer beider Beifall gehabt, wie er ihr erzählt habe, auch viele Verbindlichkeiten für die genossene Gastfreundschaft ihnen in seinem Herzen bewahre. Vielleicht erstaunen wir nicht minder als der Graf über diese wunderbaren Nachrichten, über die Tiefe der Bosheit, über die List, durch Übernahme der Korrespondenz mit der Schwester alle Nachrichten dahin und alle möglichen Entdeckungen zu hemmen; aber wunderbarer wirkte noch dieses Schreiben durch das heitre Glück, das aus jedem Ausdrucke der hochverehrten alten Freundin, aus besseren Tagen über ihn, den Verzweifelten selbst noch ausstrahlte, und sich so warm mit der Kälte mischte, in der er erstarrt war, daß ihm beide Pistolen aus der Hand fielen, die eine, die er gegen seinen Beleidiger, die andre, die er nachher zu seiner eignen Beruhigung geladen hatte. Es schrie in ihm laut auf, um dieser einen Frommen sei aller Welt verziehen; wer vermag ihr den Mann zu rauben, an dem ihr bescheidnes heiliges Glück wie ihre Seele am Glauben Christi hängt. Diese Erhebung über sich selbst gab ihm einen Plan, eine Überlegung, eine Sicherheit, die ihm sonst nicht eigen; es war ihm, als stände er sich selbst wie ein Berg in seinen Gartenanlagen im Wege, den er entweder sprengen, oder abtragen müsse um Aussicht zu gewinnen. Wir wissen alles und können als Vertraute seinen Entschluß in Wahrheit berichten; den meisten schien Zufall, was Absicht in ihm gewesen.