Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores
Vierte Abteilung.
Eilftes Kapitel
Abreise der Fürstin nach Italien. Der Primaner wird ihr Schreiber
Reisefluch
Der Heimkehrende Ach was treibt der Erde SöhneSich zu suchen ferne Leiden?
Grüßen uns die schönsten Töne,
Klagen sie ihr schnelles Scheiden,
Und es schließet eine Stille
Unsrer Hoffnung reiche Fülle. Der Ausreisende In der Fremde stehen Tische,
Jungfrauen schwingen Rosenketten,
Lieblich wehet da die Frische,
Und wer möcht sich da nicht betten,
Und wer bliebe wohl zu Hause
Von dem festlich hohen Schmause? Der Heimkehrende All ihr Wandrer, bleibt zu Hause,
Denn ihr sucht, was nicht zu finden,
Denn die Rose welkt beim Schmause
Und die Dornen euch umwinden,
Und zerreißt ihr nicht die andern,
Müßt ihr selbst zerrissen wandern. Der Ausreisende Dennoch treibt's mich zu den Bergen,
Aus der gleichen breiten Fläche,
Mich der Sonne zu verbergen
Und zu sehn den Quell der Bäche,
Und den Demant aufzufinden,
Der so selten in den Gründen. Der Heimkehrende Dort erstarrt der Liebe Atem,
Demant wird die flüssige Quelle,
Meinst du dann, du hast's erraten,
Wo des Demanthauses Schwelle,
Kommst vom Berge mit dem Eise,
Es zerschmilzt in Tränen leise. Möge der Leser mit diesem Gefühle die Sinnbilder beschauen, welche beide Titel dieses Buches bezeichnen. Die Reiseansichten der Fürstin würden vielleicht mehr Reiz haben, als diese ernsten Betrachtungen, sie schrieb aber gegen die Gewohnheit ihrer Schwestern auf Thronen sehr selten und immer nur das Notwendigste; sie sah mit Lust und Aufmerksamkeit, aber sie gab nicht gerne davon Rechenschaft, nur ein Gespräch konnte sie zur Ausführlichkeit bringen. Von ihrem ersten Eintritte in Italien hatte sie den beiden Fürstinnen etwas Schriftliches versprochen; der Brief wurde aber sehr kurz: sie erklärte darin, daß es eben das Herrlichste an ganz Italien sei, daß sich nichts davon eigentlich mit Absicht beschreiben lasse; die Reisebeschreiber jenes Landes, die man bis dahin als sehr lebendig bewundert, selbst die Dichter scheinen dort ganz töricht, entweder zerfallen ihre Worte in lauter Flittern, die aufeinander gehäuft sind und keinen Überblick gestatten, oder sie werden so steif und ärmlich, als hätten sie statt des Landes eine plastische Landkarte, wie sie in der Schweiz aus Kraftmehl und Moos verfertigt werden, vor Augen gehabt. »Nur eure mündliche Erzählungen von schöner Wärme belebt, fallen mir hier zuweilen ein.« So schloß ihr Brief. Je mehr sie der göttlich verjüngenden Milde des Landes genoß, desto wunderlicher drängte sie das Verlangen nach einer ganz vertrauten Seele, in der das Vorübergehende einen Widerschein gebe, sie wünschte sich eine Freundin und hoffte sie in einer der Töchter des Grafen zu finden; darum eilte sie nach Sizilien, ungeachtet der Schreiber noch lange nicht alle alte Inschriften kopiert hatte; sein Tagebuch forderte beinahe schon einen Beiwagen. Es ist unmöglich, ergebener zu sein, als ihr dieser gute Junge anhing, jedes freundliche Wort, das sie ihm schenkte, lebte eine Ewigkeit in seinem Gedächtnisse; ihr reicher Geist wirkte ohne Absicht auf seine Ausbildung, doch müssen wir eingestehen, daß sie ihrem Alter zum Trotz so wohlerhalten frisch war, daß auch ihre Schönheit einigen Einfluß auf ihn haben mochte.