Samuel Marx
* 00.10.1775 in Saarlouis
† 20..02.1827 in Trier
Samuel Marx – mit hebräischem Namen Samuel Abraham ben Mordechai ha-Levi, in den Quellen auch Samuel Marx Levi – wurde im Oktober 1775 im damals lothringischen Saarlouis geboren; einige Darstellungen nennen Trier als Geburtsort, die landesgeschichtliche Datenbank Rheinland-Pfalz und neuere Forschung sprechen jedoch von Saarlouis als Geburtsort und geben das Geburtsjahr mit »etwa 1775« an.
Er entstammte einer seit Generationen in Trier wirkenden Rabbinerfamilie. Sein Vater war der Rabbiner Samuel Marx Levi (Meyer/Maier Halevi Marx) , geboren um 1746 vermutlich im böhmischen Bosenberg, seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts Rabbiner in Trier, wo er am 24.10.1804 verstarb. Seine Mutter Eva (Chaje) Moses Lwów wurde um wahrscheinlich um das Jahr 1757 in Ansbach geboren und starb am 13.05.1823 Trier. Sie war eine Rabbinertochter; ihr Vater Moses Lwów wirkte ebenfalls als Rabbiner in Trier und starb dort 1788.
Die Familie Marx gehörte damit zu jener kleinen Schicht jüdischer Gelehrtenfamilien, die sowohl über rabbinische Tradition als auch über gute überregionale Verbindungen verfügten. Samuel wuchs mit mehreren Geschwistern auf, unter ihnen
- Hirschel/Heschel, später Heinrich Marx, der unter französischer Herrschaft als Advokat in Trier zugelassen war und nach seiner Konversion zum Protestantismus als Justizrat wirkte. Er war der Vater von Karl Marx.
- Esther Marx (1786–1865) heiratete den Frankfurter Kaufmann Gabriel Kosel, deren Nachlass später zu komplizierten Erbauseinandersetzungen führte, an denen auch Karl Marx beteiligt war.
Weitere Geschwister – etwa Moyses, Babette zeigen, dass die Familie weit in das soziale und wirtschaftliche Leben der jüdischen Gemeinden des Rheinlands eingebunden war.
Über die rabbinische Ausbildung Samuel Marx’ liegen bislang keine sicheren Nachweise vor; weder das Biographische Handbuch der Rabbiner noch die landesgeschichtliche Forschung können eine bestimmte Jeschiwa oder einen konkreten Lehrer benennen. Die Quellen lassen jedoch klar erkennen, dass er eine vollgültige rabbinische Schulung erhielt und bereits vor dem Tod seines Vaters 1804 in der Trierer Gemeinde eine hervorgehobene Stellung innehatte. Nach dem Tod des Vaters übernahm er dessen Amt als Rabbiner bzw. Oberrabbiner der Gemeinde Trier und blieb dies bis zu seinem eigenen Tod im Jahre 1827.
Marx lebte mit seiner Familie in unmittelbarer Nähe der Synagoge bzw. im Gebäudekomplex der »Judenschul« in der Trierer Weberbach. Die Familie Marx gehörte zum innersten Führungskreis der jüdischen Gemeinde in der Stadt.
Im Jahr 1809 heiratete er in Lunéville Michle Brisac (Brisack), die im April 1781 in Lunéville geboren wurde und am 27.05.1860 in Trier starb.
Aus dieser Ehe gingen sieben Kinder hervor, die alle in Trier geboren und zivilrechtlich beim Standesamt von Samuel selbst angemeldet wurden.
- Malka (Amalia), geboren am 30.10.1810 in Trier heiratete um 1830 den Kaufmann Jacob Baer und lebte in Tholey.
- Marcus (Marc) (13.05.1812 – 25.03.1852) war Gärtner in Trier und starb unverheiratet.
- Caroline, geboren am 04.01.1814 heiratete im Jahr 1839 in Zweibrücken Max Gugenheim. Sie lebten später in Paris.
- Dr. Moses (Moyses) Marx wurde am 14.05.1815 geboren und lebte als Hebräischlehrer in Gleiwitz. Er heiratete im Jahre 1858 Regina Freund, gestorben 30.07.1894 in Frankfurt am Main.
- Sara wurde am 02.07.1819 in Trier geboren und heiratete 1849 Israel Lazarus.
- Bella (Betty) wurde am 26.10.1821 in Trier geboren und starb am 07.02.1906 in Tholey. Sie war mit dem Kaufmann Jacob Baer verheiratet und die Großmutter der Lyrikerin und Holocaust-Überlebenden Elise Haas.
- Henriette starb am Tage ihrer Geburt am 17.02.1823.
Über die Verbindung zu Karl Marx ist vor allem Bella Baer bedeutsam: Ihre Enkelin Elise Haas, eine Cousine von Karl Marx, wurde nach ihrer Deportation nach Theresienstadt zu einer wichtigen jüdischen Stimme aus Trier.
Samuel Marx selbst blieb – anders als sein Bruder Heinrich – zeitlebens im Judentum verwurzelt; die einschlägige Forschung betont ausdrücklich, dass er sich weder unter französischer noch unter preußischer Herrschaft taufen ließ.
Mit der französischen Besetzung des linken Rheinufers wurde Trier 1794 Teil des französischen Staates und gehörte später zum Département de la Sarre. Für die jüdische Bevölkerung bedeutete dies rechtlich die Emanzipation, zugleich aber eine straffe staatliche Organisation der Gemeinden. Napoleén richtete hierzu jüdische Konsistorien ein; Trier wurde Sitz eines Consistoire, das für die Départements Forêts, Sambre-et-Meuse, und Sarre zuständig war.
Samuel Marx stand als Großrabbiner an der Spitze dieses Konsistoriums. Die Konsistorien sollten die religiöse Praxis überwachen, Steuern einziehen und dafür sorgen, dass die jüdische Bevölkerung loyal zum Staat stand – etwa durch Förderung der Erwerbstätigkeit in „produktiven“ Berufen und durch Eindämmung des Geldverleihs.
Der Trierer Rabbiner hatte damit eine doppelte Rolle: Einerseits repräsentierte er traditionelles rabbinisches Lernen und halachische Autorität, andererseits war er – gemeinsam mit Laienvertretern – ein Bindeglied zwischen jüdischer Gemeinde und französischer Verwaltung. In diesem Rahmen arbeitete er eng mit seinem Bruder Heinrich Marx zusammen, der als Sekretär des Trierer Konsistoriums fungierte und die juristischen Geschäfte führte.
Einen Höhepunkt seiner Laufbahn bildete die Teilnahme am von Napoleon I.einberufenen »Großen Sanhedrin« in Paris. Dieses Gremium tagte vom 09.02. bis 23.02.1807 und sollte die Antworten einer zuvor einberufenen Notabelnversammlung zu Grundfragen des Verhältnisses von Judentum, Staat und Gesellschaft autoritativ bestätigen.
Samuel Marx gehörte zu den 71 Rabbiner- und Laiendelegierten aus dem französischen Herrschaftsgebiet. Die Versammlung behandelte Fragen wie:
- Verpflichtung der Juden zum Militärdienst,
- Monogamie und Scheidungsrecht,
- Legitimität ziviler Eheschließungen,
- Loyalität gegenüber dem französischen Staat.
Die Protokolle wurden 1807 in Paris veröffentlicht (Collection des procès-verbaux et décisions du Grand Sanhédrin) und waren für die Napoleonische Judenpolitik von grundlegender Bedeutung.
Er trat hier als Vertreter einer linksrheinischen Gemeinde auf, die besonders vom Spannungsverhältnis zwischen neu gewährten Bürgerrechten und tradierten Vorurteilen betroffen war. Die Forschung zur jüdischen Emanzipation im Rheinland (u.a. Schwarzfuchs, Kastner, Avineri) sieht in ihm einen typischen Vertreter jener Rabbinergeneration, die zwischen staatlicher Integration und Bewahrung der religiösen Tradition vermitteln musste.
Mit der Niederlage Napoleons und der Übernahme der Rheinlande durch Preußen in den Jahren 1814/15 änderte sich die Lage grundlegend. Zwar versprach das preußische Judenedikt von 1812 eine weitgehende Gleichstellung der Juden, doch blieben zahlreiche Einschränkungen bestehen; in der Praxis wurden bis weit ins 19. Jahrhundert hinein Berufszugang und politische Rechte begrenzt.
Die Trierer Gemeinde hoffte 1815 vergeblich auf eine rasche und vollständige Umsetzung der Emanzipationsversprechen. Oberrabiner Samuel Marx stand dieser Phase der Unsicherheit als Oberrabbiner vor; die Quellen vermerken seine Präsenz bei Gemeindeereignissen – etwa bei der Beerdigung des frühen verstorbenen Neffen Mauritz David Marx 1819 – und betonen sein Bemühen, die religiöse Infrastruktur der Gemeinde zu sichern.
Eine besondere Rolle spielte sein Engagement für das jüdische Schulwesen: Ab den 1820er Jahren setzte er sich für geregelten Unterricht jüdischer Kinder ein und bemühte sich, die schulische Bildung mit religiöser Unterweisung zu verbinden. Dabei musste er zwischen staatlichen Vorgaben und den Erwartungen traditioneller Gemeindemitglieder vermitteln.
Im familiären Umfeld erlebte er zugleich den tiefen Einschnitt, dass sein Bruder Heinrich– um seine Stellung als Advokat im nunmehr preußischen Justizdienst zu sichern zum Protestantismus konvertierte und seine Kinder, darunter Karl, 1824 taufen ließ. Die Forschung betont, dass Samuel Marx diesen Schritt nicht mitvollzog und als »standhaft unkonvertiert« galt.
Samuel Marx starb 1827 in Trier. Die meisten prosopographischen Nachschlagewerke – darunter die rheinland-pfälzische Personendatenbank (RPPD) und der Nekrolog auf das Jahr 1827 – nennen den 20.02.1827 als Sterbedatum, während ein Teil der lokalen Forschung (in Anlehnung an einzelne ältere Darstellungen) den 27.02.1827 angibt.
Nach dem heutigen Stand der Quellenlage spricht die Mehrheit der autoritativen Nachschlagewerke für den 20.02.1827 als wahrscheinlich korrektes Datum; die abweichende Angabe 27.02. wird in der Biographik meist als Überlieferungsfehler gewertet.
Er wurde auf dem jüdischen Friedhof an der Weidegasse in Trier bestattet. Die Grabstätte ist in der epigraphischen Dokumentation jüdischer Friedhöfe verzeichnet; eine moderne Studie von Eugen Ludwig Rapp dokumentiert die Epitaphien der Marx-Familie auf diesem Friedhof.
Seine Witwe Michle Marx überlebte ihn um mehr als drei Jahrzehnte und starb 1860 in Trier.
Samuel Marx steht exemplarisch für jene Rabbiner der Emanzipationszeit, die zwischen vormoderner Gemeindetradition und moderner Staatsbürgerordnung vermitteln mussten. Er verkörperte zum einen die Kontinuität einer rabbinischen Linie in Trier vom 17./18. Jahrhundert bis in die frühe Moderne aber auch für die Integration der jüdischen Gemeinden in die französische Konsistorialordnung Napoleons und als Orientierung für die Spannungen der preußischen Restauration, die unter anderem zur Konversion seines Bruders Heinrich führten.
In der Karl-Marx-Forschung spielt er eine wichtige Rolle, weil er als Onkel und Oberrabbiner zeigt, dass Karl Marx aus einer Familie mit stark rabbinisch-gelehrter Tradition stammte. Zahlreiche Studien zur Biographie Karl Marx’ – etwa von Shlomo Avineri, Daniel B. Schwartz und anderen – betonen, dass die jüdischen Wurzeln der Familie, vertreten u.a. durch Samuel Marx, für das Verständnis von Karl Marx’ intellektueller Entwicklung nicht übergangen werden dürfen.
Die Erinnerung an Samuel Marx selbst ist heute vor allem in der regionalen Geschichtsschreibung und in der Judaistik präsent: im Trierer Biographischen Lexikon, im Biographischen Handbuch der Rabbiner sowie in Ausstellungen zur Geschichte der Juden in Trier.