Der Zweite Koalitionskrieg (1798/99–1802) war der zweite große militärische Waffengang zwischen dem revolutionären Frankreich und einer Allianz europäischer Mächte, der in seinen Auswirkungen weit über das bloße Schlachtgeschehen hinauswirkte. Eine Koalition aus Russland, Österreich, Großbritannien, dem Osmanischen Reich, Portugal, dem Königreich Neapel und dem Kirchenstaat trat an, um die im Ersten Koalitionskrieg erlittenen Verluste rückzumachen und die von Frankreich errichteten Satellitrepubliken zu zerschlagen. Der Krieg gliedert sich in zwei grundlegend verschiedene Phasen.
In der ersten Phase (1798/99–Herbst 1799) erzielte die Koalition bemerkenswerte Erfolge: Unter dem Oberbefehl des legendären russischen Feldmarschalls Alexander Suworow wurden die französischen Tochterrepubliken in Norditalien zerschlagen, und in der Schweiz drängten österreichisch-russische Heere die französischen Armeen weit zurück. Doch innere Widersprüche, strategische Fehler und Russlands überraschender Rückzug aus dem Bündnis eröffneten Frankreich neuen Spielraum.
Die zweite Phase (1799–1802) war geprägt durch eine politische und militärische Revolution in Frankreich selbst: Napolon Bonaparte kehrte aus Ägypten zurück, ergriff am 18. Brumaire des Jahres VIII (09.11.1799) die Staatsgewalt und verwandelte sich vom republikanischen General in den Ersten Konsul. Mit den vernichtenden Siegen bei Marengo (14.06.1800) und Hohenlinden (03.12.1800) zwang er Österreich in den Frieden. Der Friede von Lunéville vom 09.02.1801 festigte Frankreichs Hegemonie über den europäischen Kontinent; der Friede von Amiens vom 27.03.1802 beendete auch den Krieg mit Großbritannien.
Die historischen Folgen reichten weit: Die Niederlage der Alliierten ebnete den Weg für Napoleons Aufstieg zum Kaiser der Franzosen (1804), ermöglichte den Reichsdeputationshauptschluss von 1803, der die politische Landkarte des Heiligen Römischen Reiches radikal veränderte, und bestätigte die territoriale Neuordnung Europas im Geiste der Französischen Revolution. Der Zweite Koalitionskrieg ist das entscheidende Scharnier zwischen dem Zeitalter der Revolution und dem Zeitalter Napoleons.
Vorgeschichte: Der Erste Koalitionskrieg und seine Folgen
Um die Ursachen des Zweiten Koalitionskrieges zu verstehen, muss der Blick auf den Ausgang des Ersten Koalitionskrieges (1792–1797) gerichtet werden. Der Friede von Campo Formio vom 17./18. Oktober 1797 zwischen Frankreich und der Habsburgermonarchie hatte den Krieg auf dem Kontinent formal beendet, löste jedoch keinen der grundlegenden Konflikte. Österreich trat die Österreichischen Niederlande ab und erkannte die Cisalpinische Republik in Norditalien an; als Kompensation erhielt es Venedig, Teile des Friauls und Dalmatien. Die linkrheinischen deutschen Gebiete verblieben unter französischer Kontrolle. Großbritannien setzte seinen Seekrieg gegen Frankreich fort, nachdem Friedensverhandlungen über die Frage der Kapkolonie und Ceylons gescheitert waren.[1]
Zwischen 1796 und 1799 hatte Frankreich ein System von Tochterrepubliken errichtet, die als politisch-ideologische Vorposten der Revolution und als wirtschaftliche Ressourcen dienten: die Batavische Republik (Niederlande, 1795), die Helvetische Republik (Schweiz, 1798), die Cisalpinische (1797), die Römische (1798) und die Parthenopäische Republik (Neapel, Januar 1799). Diese erzwungenen Neugründungen auf Kosten bestehender Monarchien erzeugten tiefe Verbitterung an europäischen Fürstenständen und nährten den Wunsch nach einer revisionistischen Koalition.[2]
Ein besonderer Katalysator für die neue Allianz war Napoleons Ägyptenfeldzug. Im Mai 1798 stach eine französische Armée d’Orient von etwa 35.000 Mann in See, um Ägypten zu erobern und damit Großbritanniens Weg nach Indien zu bedrohen. Napoleon nahm Malta am 10.–12. Juni 1798 ein – ein Schlag gegen den Johanniterorden, der Zar Paul I. von Russland als dessen Großmeister tief kränkte – und landete am 01./02. Juli 1798 bei Alexandria. Zu Lande zunächst erfolgreich (Pyramidenschlacht, 21.07.1798), erlitt die französische Flotte unter Konteradmiral Brueys am 01./02. August 1798 in der Seeschlacht von Abukir eine vernichtende Niederlage gegen Vizeadmiral Horatio Nelson. Damit war Napoleon mit seiner Armee im Orient isoliert.[3]
Schließlich vergiftete das Scheitern des Rastatter Kongresses (1797–1799) die Diplomatie vollends. Die nach Campo Formio vorgesehenen Verhandlungen über die Entschädigungen für linksrheinisch verlorene Gebiete blieben ergebnislos; Frankreich nutzte die Zeit zu weiteren Annexionen in der Schweiz und in Italien. Die Ermordung der französischen Gesandten durch österreichische Husaren am 28. April 1799 am Rande des Kongresses machte einem diplomatischen Ausgleich ein definitives Ende.[4]
Die Bildung der Zweiten Koalition
Die Zweite Koalition war eine heterogene Allianz, deren Mitglieder ein gemeinsames Ziel – die Eingrenzung der französischen Expansion – verfolgten, dabei aber grundlegend verschiedene strategische Interessen hatten. Russland unter Zar Paul I. (reg. 1796–1801) sah sich als Hüter der europäischen monarchischen Ordnung; seine persönliche Kränkung über die Besetzung Maltas und Napoleons Überfall auf das osmanische Ägypten trieb ihn in das antifranzösische Bündnis. Im Dezember 1798 schloss Russland zunächst einen Vertrag mit dem Osmanischen Reich, das Frankreich wegen der Ägyptenbesetzung bereits den Krieg erklärt hatte; kurz darauf wurde ein älteres russisch-britisches Bündnis erneuert.[5]
Großbritannien, seit dem Ersten Koalitionskrieg im Seekrieg mit Frankreich, war der diplomatische Motor der neuen Allianz. Premierminister William Pitt der Jüngere stellte erhebliche Subsidien bereit, um die Kampfkraft der Verbjündeten zu finanzieren. Österreich, durch Campo Formio geschwacht aber nicht besiegt, sah in der neuen Koalition eine Chance zur Revision der erlittenen Verluste. Es gestattete zunächst den Durchmarsch einer russischen Armee von 60.000 Mann durch habsburgisches Gebiet nach Italien. Als Frankreich dies am 12. März 1799 als Kriegsgrund bewertete und Österreich erklärte, war die Koalition formell geöffnet.[6]
Portugal, das Königreich Neapel – unter König Ferdinand III. und seiner energischen Gemahlin Königin Maria Karolina von Österreich, einer Schwester Marie Antoinettes – sowie der Kirchenstaat traten der Koalition bei. Preußen hingegen hielt unter König Friedrich Wilhelm III. seine bewaffnete Neutralität aufrecht und verweigerte jegliche Beteiligung. Die norddeutschen Reichsstände folgten dem preußischen Beispiel; die süddeutschen Reichsstände, insbesondere Kurbayern, Württemberg und Kurmainz, beteiligten sich mit bescheidenen Kontingenten am formell fortbestehenden Reichskrieg. Dass Preußen fernblieb, schmälerte den Erfolg der Koalition dauerhaft.[7]
Frankreich selbst befand sich in einer innenpolitisch schwierigen Lage. Das Direktorium (1795–1799) war durch Korruption, Ineffizienz und politische Instabilität geschwacht. Die französische Armee, einst über eine Million Mann stark, zählte nur noch rund 250.000 einsatzfähige Soldaten, die entlang der langen Grenzen von Holland bis Neapel verstreut waren. Dies schien die Koalition in eine günstige Ausgangsposition zu bringen – doch sollte es sich als Fehler erweisen, Frankreichs militärisches Potenzial zu unterschatzen.[8]
Kriegsbeginn: Der voreilige Angriff Neapels (1798)
Der Krieg begann in gewissem Sinne bereits vor seiner formellen Eröffnung auf den Hauptoperationsschaupltzen. Das Königreich Neapel, angestachelt von Königin Maria Karolina und dem britischen Botschafter Sir William Hamilton, schritt im November 1798 voreilig zur Offensive. General Karl Mack von Leiberich – in österreichischen Diensten stehend, aber von Neapel als Oberbefehlshaber verpflichtet – marschierte am 22. November 1798 mit 80.000 Mann auf Rom. Der französische Befehlshaber General Jacques MacDonald musste sich mit seinen nur 6.000 Mann aus der Stadt zurückziehen. Am 27. November 1798 rükte König Ferdinand III. selbst triumphierend in die Ewige Stadt ein.[9]
Der Triumph währte nur Tage. Bereits am 05. Dezember 1798 schlugen die Franzosen bei Porto Fermo und Civita Castellana zurück. Meutereien brachen in Macks Truppen aus; der viel gerufmte General erwies sich als unfhig. Am 14. Dezember 1798 war MacDonald wieder Herr über Rom. Anfang 1799 erhielt er den Befehl, Neapel selbst zu erobern. Im Januar 1799 fiel das Königreich Neapel; König Ferdinand III. musste auf die Insel Sizilien fliehen. Am 22. Januar 1799 wurde die Parthenopäische Republik ausgerufen. Die neuen republikanischen Herren stützten sich allerdings fast ausschließlich auf die gebildete napoletanische Oberschicht und auf französische Bajonette; die breite Bevölkerung blieb der Monarchie treu.[10]
Das neapolitanische Desaster illustrierte exemplarisch ein Grunddilemma der Koalition: fehlende Koordination, überhastetes Vorgehen und mangelnde militärische Vorbereitung. Mack, der später auch bei der Kapitulation von Ulm (1805) Schmach auf sich laden sollte, trug die Hauptverantwortung für das Scheitern. Auch das britische Engagement, repräsentiert durch Nelson und den Botschafter Hamilton, verstärkte die überstürzte Entscheidung Neapels zum Krieg. Die Lektion blieb unbeachtet: In der Folge sollten ähnliche Koordinationsmängel die gesamte Zweite Koalition begleiten.[11]
Der Feldzug in Süddeutschland und der Schweiz 1799
Nachdem Frankreich am 12. März 1799 Österreich den Krieg erklärt hatte, entfalteten sich rasch die Kämpfe auf den Hauptoperationsschaupltzen. In Süddeutschland überquerte die französische Donauarmee unter General Jean-Baptiste Jourdan mit 45.000 Mann bei Kehl und Basel den Rhein und drang nach Süddeutschland vor. Ihr gegenüber standen 77.000 Österreicher unter Erzherzog Karl, einem der fähigsten Feldherren der Koalitionsperiode. In den Schlachten bei Ostrach (21. März 1799) und Stockach (25. März 1799) wies er die Französen zurück; Jourdan musste sich auf Villingen zurückziehen und legte sein Kommando nieder. General Jean Moreau übernahm die Befehlsgewalt über die Donauarmee.[12]
In der Westschweiz versuchte General André Masséna mit der französischen Helvetischen Armee, Österreich zu binden. Sein Angriff über den Alpenrhein bei Feldkirch scheiterte am 22./23. März 1799 in der Schlacht bei Feldkirch, wo sich österreichischer Landsturm unter General Franz Jelačić erfolgreich behauptete. Die Französen räumten den östlichen Teil der Helvetischen Republik. Die österreichischen Heere unter Erzherzog Karl und Feldmarschalleutnant Friedrich von Hotze – dem der Kampf das Leben kosten sollte – vereinigten sich und drangen westwärts vor.[13]
In der Ersten Schlacht bei Zürich (04.–07. Juni 1799) zwangen die verbjündeten Heere Masséna zum Rückzug auf das westliche Limmatufer. Doch der Wendepunkt ließ nicht lange auf sich warten. Im August 1799 traf ein russisches Hilfskorps unter General Alexander Rimski-Korsakow in Schaffhausen ein. Erzherzog Karl, den Wien für die Niederlande-Expedition abzog, übergab das Schweizer Kommando an Korsakow und Hotze – eine verhängnisvolle Entscheidung, die die Koalitionsstellung in der Schweiz erhebblich schwächte.[14]
Am 25./26. September 1799 schlug Masséna in der Zweiten Schlacht bei Zürich das russisch-österreichische Heer vernichtend. General Rimski-Korsakow erlitt schwere Verluste; Feldmarschalleutnant Hotze fiel im Kampf. Die Reste der alliierten Schweizarmee flohen über den Rhein. Massénas Sieg bei Zürich war ein Meilenstein: Er rettete die Helvetische Republik, verhinderte einen alliierten Vormarsch auf das französische Kernland und isolierte Suworows von Süden heranrückende Armee in einer strategisch hoffnungslosen Lage. In den Geschichtsbüchern Frankreichs gilt Masséna seitdem als „l’Enfant chéri de la Victoire“ – das Lieblingskind des Sieges.[15]
Der Feldzug in Norditalien 1799: Suworows Triumphzug
In Norditalien vollzog sich in der ersten Jahreshälfte 1799 eine militärische Kehrtwendung von historischen Dimensionen. Die französische Armee in Italien unter General Barthélémy Schérer – einem mittelmligen Feldherrn, der durch seine Misserfolge bereits in Verruf geraten war – schritt im März zur Offensive, wurde aber in der Schlacht bei Magnano am 05. April 1799 von den Österreichern unter General Paul Kray schwer geschlagen.[16]
Am 08. April 1799 traf das erste Korps der russischen Armee unter General Rosenberg in Villach ein. Zar Paul I. hatte den legendären Feldmarschall Alexander Wassiljewitsch Suworow trotz persönlicher Antipathie mit dem Oberbefehl über die kombinierte russisch-österreichische Streitmacht in Italien betraut. Suworow, der in Jahrzehnten der Kriegsführung an der türkischen Grenze und in Polen seinen Ruf erworben hatte, erkannte sofort die operative Lage. In der Schlacht an der Adda (25.–27. April 1799) vernichtete er die französische Armee unter General Jean Moreau. Am 29. April zog das verbjündete Heer triumphierend in Mailand ein. Die Cisalpinische Republik brach zusammen.[17]
Suworow wandte sich nach Süden, um die Vereinigung Moreaus mit der aus Süditalien heranmarschierenden Armee unter General Jacques MacDonald zu verhindern. In der blutigen dreitagigen Schlacht an der Trebbia (17.–20. Juni 1799) schlug er MacDonalds Truppen. Am 26. Mai 1799 hatte er bereits Turin besetzt; am 15. August 1799 besiegte er in der Schlacht bei Novi auch den neuen französischen Oberbefehlshaber General Barthélémy-Catherine Joubert, der dabei den Tod fand. Norditalien schien für die Koalition gesichert.[18]
Doch Wiens strategische Prioritten lagen woanders: Österreich wollte die wertvollen norditalienischen Gebiete selbst behalten und sah in Suworows Absicht, das Königreich Sardinien wiederherzustellen, eine Bedrohung eigener Interessen. Der Feldmarschall, der auf einen Marsch nach Frankreich drängte, wurde stattdessen in die Schweiz beordert, um Rimski-Korsakow zu unterstützen – eine verhängnisvolle strategische Fehlentscheidung. Auch in Süditalien brach die Parthenopäische Republik zusammen: Die Sanfedisten-Armee des Kardinals Fabrizio Ruffo landete im März 1799 in Kalabrien, und am 13. Juni 1799 fiel Neapel. Viele republikanische Patrioten wurden trotz einer vereinbarten Kapitulation – auf Betreiben Nelsons und der Königin Maria Karolina – hingerichtet, darunter der Philosoph Francesco Mario Pagano und der Admiral Francesco Caracciolo.[19]
Die britisch-russische Expedition in die Niederlande
Parallel zu den Kämpfen in der Schweiz und in Italien plante London eine Expedition in die Niederlande, um den früheren niederländischen Statthalter Wilhelm V. von Oranien wiederzueinsetzen und die batavische Flotte zu neutralisieren. Man setzte auf eine royalistische Erhebung der niederländischen Bevölkerung und hoffte, damit das französische Satellitenregime zum Einsturz zu bringen. Eine Streitmacht von etwa 27.000 Briten und 17.000 Russen sollte unter dem Kommando des Herzogs von York, Friedrich August, operieren.[20]
Am 27. August 1799 landete ein britisches Vorhutkorps unter Generalleutnant Sir Ralph Abercromby bei Callantsoog. Bereits am 30. August 1799 gelang mit der Kapitulation im Vlieter ein erster spektakulärer Erfolg: Konteradmiral Story übergab das batavische Texel-Geschwader mit 3.700 Mann und 632 Kanonen kampflos an die Briten. Dieser Triumph erwies sich jedoch als trügerisch. Der französisch-batavische Oberbefehlshaber General Guillaume Brune konzentrierte seine Krsfte rasch und führte einen wirkungsvollen Gegenstoss.[21]
Die erhoffte royalistische Erhebung blieb aus. Die für die Niederlande karaktaristische Landschaft aus Überschwemmungsgebieten und Kanlen begünstigte die Verteidiger und lähmte die britische Bewegungsfreiheit. In der Schlacht bei Bergen (19. September 1799) konnten die Französen und Bataver bereits verlorene Stellungen zurückerobern. Der Entscheidungsversuch bei Castricum (06. Oktober 1799) scheiterte ebenfalls. In der Konvention von Alkmaar (18. Oktober 1799) sicherte sich der Herzog von York den freien Abzug seiner Truppen gegen das Versprechen, 8.000 französisch-batavische Gefangene freizulassen. Die Expedition hatte wertvolle Ressourcen und Menschenleben verbraucht, ohne greifbare strategische Ergebnisse zu erzielen. Sie war der teuerste Fehlschlag britischer Kontintalpolitik in dieser Kriegsphase.[22]
Suworows Alpendurchquerung und der Zerfall der Koalition
Nach seinen Siegen in Norditalien erhielt Suworow den Befehl, durch die Alpen in die Schweiz zu marschieren und Rimski-Korsakow zu unterstützen. Mit etwa 21.000 Mann überwand er am 24. September 1799 den Gotthardpass – ein bis heute bewundertes militärisches Meisterstuck unter extremen klimatischen und logistischen Bedingungen. Doch bei Andermatt erfuhr er von der Vernichtung Rimski-Korsakows bei Zürich: Er stand in einer Falle. Masséna hatte den Gotthardpass wiederbesetzt, und am Vierwaldstättersee bei Flüelen gab es kein Durchkommen.[23]
Suworow wich über den Kinzigpass ins Muotatal aus, wo ihm Masséna erneut entgegentrat. In der Schlacht im Muotatal (30. September/01. Oktober 1799) schlugen Suworows Truppen die französischen Verfolger zurück. Dennoch war weiteres Vordringen sinnlos. Über den Panixerpass führte Suworow die ausgezehrten, erschopften und schwer geprüften Reste seiner Armee nach Graubünden und schließlich nach Österreich. Der Schweizfeldzug hatte mehr als 5.000 Tote, Verwundete und Gefangene gefordert. Zar Paul I. belohnte Suworow mit dem Titel eines Generalissimus – und tadelte gleichzeitig Österreich in scharf formulierten Noten für die mangelhafte Unterstützung.[24]
Zar Paul I., tief entäuscht von Österreichs Verhalten, zog im Oktober 1799 Russland aus der Koalition zurück. Er machte Wien für das Scheitern in der Schweiz und für die strategische Isolierung Suworows verantwortlich. Gleichzeitig näherte er sich in einer der seltsamsten diplomatischen Wendungen der Ära Napoleon an: Paul und der neue Erste Konsul Frankreichs tauschten höfliche Briefe aus, und Russland entließ französische Kriegsgefangene ohne Lösegeld. Ohne Russland stand Österreich allein dem erneuerten Frankreich gegenüber. Die Zweite Koalition war faktisch gesprengt, bevor Napoleon ihr den entscheidenden Stoß versetzt hatte.[25]
Der Staatsstreich des 18. Brumaire: Napoleon ergreift die Macht
Inmitten der militärischen Krisen des Jahres 1799 vollzog sich in Frankreich ein Machtwechsel von historischer Tragweite. Napoleon Bonaparte hatte Ägypten am 22./23. August 1799 heimlich verlassen – seine Armee im Stich lassend – und landete am 09. Oktober 1799 bei Fréjus in Südfranreich. Das Direktorium befand sich in einem Zustand politischer Agonie: zerrissen durch Fraktionskmpfe, delegitimiert durch militärische Rückschlge und die wirtschaftliche Not weiter Bevölkerungskreise, war es unfähig, die Krise zu bewältigen.[26]
Ein Netzwerk von Verschwörern – darunter der ehemalige Aussenminister Charles-Maurice de Talleyrand, der Direktor Emmanuel-Joseph Sieyès und Napoleons Bruder Lucien Bonaparte – bereitete einen Staatsstreich vor. Am 18. Brumaire des Jahres VIII (09.11.1799) wurde das Direktorium aufgelöst; die gesetzgebenden Körperschaften – Rat der Alten und Rat der Fünfhundert – wurden am Folgetag (19. Brumaire / 10.11.1799) ins Schloss Saint-Cloud verlegt. Vor dem Rat der Fünfhundert wurde Napoleon mit Pfiffen und Geschrei empfangen; erst das Eingreifen seiner Grenadiere unter Joachim Murat sicherte den Erfolg des Staatsstreiches. Das Direktorium wurde durch das Konsulat ersetzt; Napoleon wurde Erster Konsul.[27]
Die Verfassung des Jahres VIII (13. Dezember 1799 verkundet) konzentrierte die Macht faktisch in den Händen des Ersten Konsuls. Napoleon reorganisierte sofort die Armee und die Finanzen, sendete Friedensbriefe an König Georg III. von Großbritannien und Kaiser Franz II. – die beide abgelehnt wurden – und begann mit der Vorbereitung der Frjährskampagne 1800. Der 18. Brumaire markierte nicht nur das Ende des Direktoriums, sondern auch das Ende der eigentlichen Revolutionskriege: Von nun an waren die Koalitionskriege auch Napoleons Kriege.[28]
Der Seekrieg 1799–1802
Während auf dem Kontinent die Landarmeen um Norditalien, Deutschland und die Schweiz rangen, führte Großbritannien den Krieg ungebrochen zur See. Die Royal Navy blockierte die französischen Atlantik- und Mittelmeerhsfen, sicherte die britischen Versorgungslinien und verhinderte eine französische Überseeexpansion. Die britische Seeherrschaft, die Nelson in der Seeschlacht von Abukir (01./02. August 1798) gefestigt hatte, blieb während des gesamten Zweiten Koalitionskrieges unbestritten.[39]
In Ägypten verhinderte die britisch-osmanische Blockade eine Versorgung der eingeschlossenen Armée d’Orient. Nach Napoleons Abreise übernahm General Jean-Baptiste Kléber den Oberbefehl; er wurde am 14. Juni 1800 – dem Tag von Marengo – von einem Attentäter ermordet. Sein Nachfolger General Menou führte eine gescheiterte Verteidigung und kapitulierte am 02. September 1801 in Alexandria vor einem britischen Expeditionskorps unter General Sir Ralph Abercromby, der selbst bereits in der Schlacht bei Alexandria (21. März 1801) tödlich verwundet worden war. Der Ägyptenfeldzug endete mit einer definitiven Niederlage Frankreichs in diesem Nebenkriegsschauplatz.[40]
Im Norden bemühte sich Frankreich, durch die Liga der bewaffneten Neutralitt (Russland, Schweden, Dänemark, Preußen) eine wirtschaftliche Isolierung Großbritanniens herbeizuführen. London antwortete mit einer Flottendemonstration: Am 02. April 1801 schlug Vizeadmiral Horatio Nelson in der Seeschlacht von Kopenhagen die dänische Flotte schwer. Die Liga der bewaffneten Neutralität zerbrach – auch wegen der Ermordung Zar Pauls I. am 23. März 1801, der ihr treibender Motor gewesen war. Sein Nachfolger Zar Alexander I. löste das Bündnis auf und näherte sich Großbritannien wieder an.[41]
Der Feldzug von 1800 in Norditalien: Die Schlacht bei Marengo
Der Feldzug von 1800 in Norditalien begann mit einer der kühnsten strategischen Operationen in Napoleons gesamter Karriere. Die österreichische Armee unter General Michael von Melas hatte in der Zwischenzeit fast ganz Norditalien zurückerobert. General Masséna, der die französische Armée d’Italie befehligte, war seit April 1800 in Genua eingeschlossen und wurde durch hunger und Seuchen dezimiert. Napoleon entschloss sich zu einem gewagten Flankenmanöver: Mit der Armée de Réserve von etwa 40.000 Mann überquerte er zwischen dem 15. und 24. Mai 1800 den Großen Sankt Bernhard Pass – ein logistisches und meteorologisches Meisterstück, das die österreichische Führung vollkömmen überraschte.[29]
Am 02. Juni 1800 zog Napoleon in Mailand ein. Die österreichische Stellung in Norditalien war damit strategisch bedroht. Melas, der noch mit der Belagerung Genuas beschäftigt war – Masséna kapitulierte am 04. Juni 1800 nach heroischem Widerstand – musste seine Krsfte rasch zusammenziehen. Beiden Seiten war klar: Eine Entscheidungsschlacht war unausweichlich. Am 09. Juni 1800 errangen die Französen unter General Jean Lannes in der Schlacht bei Montebello einen ersten Sieg und sicherten die Aufmarschstellung.[30]
Am 14. Juni 1800 trafen die Heere bei Marengo, nahe Alessandria im Piemont, aufeinander. Der Tag begann katastrophal für die Französen: Melas griff frühzeitig und mit überlegenen Krssten an; Napoleon hatte seine Krsfte verteilt und war überrascht. Die französischen Divisionen wurden Schritt für Schritt zurückgedrängt. Gegen Mittag schien Österreich gesiegt zu haben; der 71-jährige Melas, leicht verwundet, übergab sogar das Kommando an seinen Stabschef und verließ das Schlachtfeld. Doch nun griff General Louis Desaix mit seiner Division in den Kampf ein. Desaix, kurz zuvor aus Ägypten zurückgekehrt, führte den entscheidenden Gegenangriff an – und fand dabei den Tod. Gleichzeitig ließ General François Kellermann d. J. mit 400 Kavalleristen eine verheerend wirkungsvolle Attacke reiten. Der österreichische Angriffsschwung brach zusammen; innerhalb von Stunden verwandelte sich die napoleon Niederlage in einen überwältigenden Sieg.[31]
Am 15. Juni 1800 schlossen Melas und Napoleon in der Konvention von Alexandria einen Waffenstillstand; die Österreicher räumten Norditalien. Marengo war mehr als ein militärischer Sieg – er war ein propagandistischer Triumph, der Napoleons Legende begründete und sein Konsulat zementierte. Der kühne Alpenbergang und der dramatische Sieg in letzter Stunde verdichteten sich in der französischen und später europäischen Erinnerungskultur zum Inbegriff napoleonischer Feldherrenkunst.[32]
Der Friede von Lunéville (09.02.1801)
Nach der Doppelkatastrophe von Marengo und Hohenlinden blieb Österreich keine politische Alternative. Am 09. Februar 1801 wurde in Lunéville (Lothringen) der Friede zwischen Frankreich und Österreich sowie dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation unterzeichnet. Auf französischer Seite führten die Verhandlungen Joseph Bonaparte, Napoleons älterer Bruder; für Österreich erschien Graf Ludwig von Cobenzl. Der Friede von Lunéville bestätigte und erweiterte die Bestimmungen von Campo Formio (1797) und etablierte die französische Hegemonie über den Kontinent auf eine für alle sichtbare Weise.[36]
Österreich erkannte erneut die „natürlichen Grenzen“ Frankreichs an, das heißt den Rhein als Ostgrenze. Die linksrheinischen deutschen Gebiete wurden endgültig dem französischen Territorium einverleibt. Die Cisalpinische Republik in Norditalien, die Helvetische Republik in der Schweiz, die Batavische Republik in den Niederlanden und die Ligurische Republik (Genua) wurden als souveräne Staaten anerkannt – womit das Satellitensystem Frankreichs völkerrechtliche Beständigkeit erlangte. Aus dem habsburgischen Erbrecht auf die Toskana wurde Franz von Österreich-Este als Großherzog eingesetzt.[37]
Für das Reich bedeutete der Vertrag das Ende der linksrheinischen Bistumer, Abteien und weltlichen Herrschaften, da die betroffenen Fürsten durch Säkularisierungen rechtsrheinischer Kirchengüter entschädigt werden sollten. Dies führte direkt zum Reichsdeputationshauptschluss vom 25. Februar 1803, der die Landkarte des Alten Reiches radikal veränderte: 112 reichsunmittelbare Herrschaften wurden aufgehoben, fast alle geistlichen Territorien säkularisiert. Große weltliche Reichsfürsten wie Baden, Bayern und Württemberg wuchsen auf Kosten der kleinen geistlichen Herren erheblich. Diese Umgestaltung bereitete die Gründung des Rheinbundes 1806 und die endgültige Auflösung des Heiligen Römischen Reiches vor – ein Gebilde, das seit Karl dem Großen mehr als tausend Jahre bestanden hatte. Der Friede von Lunéville ist damit nicht nur ein militärisches, sondern ein epochemachendes verfassungsgeschichtliches Dokument.[38]
Der Feldzug von 1800 in Deutschland: Die Schlacht bei Hohenlinden
Parallel zur Kampagne in Norditalien entfaltete sich der Feldzug von 1800 in Süddeutschland, der in seiner militärhistorischen Bedeutung häufig hinter dem glänzenden Marengo-Sieg zurückbleibt, für den Ausgang des Krieges jedoch mindestens gleich gewichtig war. Auf französischer Seite übernahm General Jean Moreau, der bewährte Feldherr des Rheins, die Befehlsgewalt über die Rheinarmee. Im Mai 1800 überquerte er bei Rheinklingen den Rhein und besiegte die österreichischen Truppen unter Feldmarschall Paul Kray in den Schlachten bei Engen (03. Mai 1800), Stockach (03. Mai 1800) und Meßkirch (05. Mai 1800). Kray wich nach Bayern zurück. Am 15. Juli 1800 schlossen beide Seiten den Waffenstillstand von Parsdorf, um Verhandlungen zu ermöglichen.[33]
Als die Friedensverhandlungen in Lunéville scheiterten und Österreich auf britischen Druck hin den Krieg im Herbst 1800 wiederaufnahm, marschierte Moreau erneut. Kray war durch den jungen Erzherzog Johann ersetzt worden, der noch keine Kriegserfahrung besaß und auf entschlossenem Angriff bestand. Am 03. Dezember 1800 prallten die Armeen bei Hohenlinden, östlich von München, aufeinander. General Jean-Joseph Reynier führte mit einem französischen Korps einen großangelegten Flankenangriff durch Schneewder und Nadelwlder, während Moreau frontal angriff. Die Österreicher gerieten in einen Kessel; ihre Kolonnen standen in dichten Tannenwldern ohne Möglichkeit, sich zu manvrieren.[34]
Die Österreicher erlitten eine vernichtende Niederlage: etwa 14.000 Mann wurden gefangen genommen, dazu fielen zahlreiche Geschütze und Fahnen. Der Weg nach Wien lag offen. Erzherzog Karl, der nun das Kommando übernahm, kapitulierte im Waffenstillstand von Steyr (25. Dezember 1800 – symbolträchtig am Weihnachtstag). Österreich hatte keine weiteren Mittel, den Krieg fortzusetzen. Hohenlinden gilt als die entscheidende Wende des Zweiten Koalitionskrieges. In Frankreich wurde Moreau dafür mit Lorbeeren überhauft; zugleich wuchs Napoleons Eifersucht auf den einzigen General, der ihm das Wasser reichen konnte – eine Spannung, die später in Moreaus Verbanning aus Frankreich gipfeln sollte.[35]