Der Kastorbrunnen in Koblenz: Entstehung, Baugeschichte und Bedeutung heute
von Michael Gnessner
Der Kastorbrunnen steht auf dem Kastorhof (Vorplatz der Basilika St. Kastor) und gilt als eines der markantesten Kleindenkmäler der Koblenzer Stadtgeschichte. Errichtet wurde er 1812 – als Brunnenbau, aber zugleich als politisches Monument der napoleonischen Epoche.
1) Entstehungsgeschichte: Wasser für die Stadt und Propaganda in Stein

Die Vorgeschichte des Kastorbrunnens ist eng mit der frühneuzeitlichen Wasserversorgung der Stadt Koblenz verbunden. Ausgangspunkt war ein groß angelegtes Wasserleitungsprojekt des letzten Trierer Kurfürsten Clemens Wenzeslaus von Sachsen.
Hierzu ließ der Kurfürst eine etwa 6,5 km vom Schloss entfernte Quelle bei Metternich mit dem kurfürstlichen Stadtschloss über eine Rohrleitung verbinden. Die Leitung führte auch durch Koblenz. Die Arbeiten hierzu wurden nach 3 Jahren abgeschlossen.
Die Bürgerschaft strebte ebenfalls einen Anschluss an – der Kastorbrunnen wurde später Teil dieser städtischen Versorgung.
In der Franzosenzeit erhielt das Projekt eine zusätzliche politische Dimension: Der französische Präfekt Jules Doazan ließ 1812 vor der Kirche St. Kastor einen klassizistischen Brunnen errichten und mit einer französischen Widmungsinschrift versehen, die den Russlandfeldzug Napoleons als erinnerungswürdigen Erfolg voraussetzt. Die historischen Quellen betonen dabei sowohl die Voreiligkeit als auch sprachliche/orthographische Auffälligkeiten der Inschrift.
Der Brunnen wurde der Bevölkerung demonstrativ am 15.08.1812, dem Geburtstage Kaiser Napoleons, übergeben und versorgte ab diesen Zeitpunkt das Kastorviertel mit Trinkwasser. Für diesen Tag ist in der Koblenzer Überlieferung sogar eine symbolische „Wein“-Episode überliefert: In die Brunnenschalen soll zur Feier Wein geflossen sein – verbunden mit großem Andrang.
2) Baugeschichte und Gestalt: Klassizistischer Basaltquaderblock mit Marmorschalen
Baukörper und Material sind bewusst: Der Kastorbrunnen besteht aus einem großen Basaltquaderblock (in der Denkmalliste als Brunnenmonument beschrieben), ergänzt durch Marmor-Brunnenschalen. Als Entwerfer wird der Militäringenieur Dagobert Chauchet genannt; ausgeführt wurde die bildhauerische Arbeit nach Denkmalliste durch den Bildhauer Rauch (Aachen).
Ursprünglich stand der Brunnen zentraler auf dem Kastorplatz und war stärker Teil der damaligen städtebaulichen Blickachse. In den 1950er-Jahren wurde er um einige Meter versetzt, um den Blick auf die Kirche freizumachen.
Zur ursprünglichen Ausstattung gehörte zudem eine Figurengruppe mit Personifikationen von Rhein und Mosel, die wegen Verwitterung bereits kurz nach 1817 entfernt worden sein soll.
Lageplan des Kastorbrunnens:
3) Die Inschriften von 1812 und 1814: Ironische „Doppelsignatur“ der Koalitionskriege
Berühmt ist der Kastorbrunnen wegen seiner zweigeteilten Inschrift, die wie ein steinernes Protokoll des Kriegsverlaufs wirkt:
15.08.1812: Die (französische) Inschrift erinnert an den Feldzug gegen Russland „unter der Präfektur von Jules Doazan“ und versteht sich als Verherrlichung Napoleons.
An mdcccxii
Mémorable par la campagne contre les Russes
sous le Préfectura de Jules Doazan.
Auf Deutsch hieß die Inschrift in etwa:
Im Jahre 1812 / Denkmal an den Feldzug gegen die Russen / unter dem Präfekturat von Jules Doazan
In der Nacht des 01.01.1814 traf der überwiegend aus russischen Verbänden bestehendes Korps unter dem Kommando des Generals St. Priest in Koblenz ein, nachdem man zwischen Neuwied und der Lahnmündung den Rhein überschritten hatten. Die französische Herrschaft am Rhein war innerhalb weniger Wochen komplett verschwunden, dafür legt auch die kampflose Räumung der Stadt Koblenz ein entsprechendes Zeugnis ab.
Statt das Denkmal zu zerstören, als er am Kastorplatz eintraf, bewies der General Humor und ließ eine zusätzliche Inschrift anbringen, die folgenden Wortlaut hatte:
Vu et approuvé par nous Commandant
russe de la ville de Coblentz
le 1er janvier 1814.
Auf Deutsch:
Gesehen und genehmigt durch uns, russischer Kommandant der Stadt Koblenz, am 1. Januar 1814
01.01.1814: Nach dem Zusammenbruch der französischen Herrschaft am Mittelrhein kam Koblenz zu Beginn des Jahres 1814 unter Kontrolle der Koalitionstruppen; der russische Stadtkommandant ließ die ursprüngliche Inschrift nicht entfernen, sondern ergänzte sie humorvoll um ein „Vu/Vue et approuvé…“ („Gesehen und genehmigt…“) – ausdrücklich datiert auf 01.01.1814.
Damit wurde das Monument, das als napoleonische Selbstfeier gedacht war, in ein vielschichtiges Erinnerungszeichen verwandelt: Propaganda, Kriegswende und Spott stehen bis heute nebeneinander lesbar im Stadtraum.
4) Heutige Bedeutung: Kulturdenkmal, Welterbe-Kontext und Stadtgeschichte „im Kleinen“
Heute ist der Kastorbrunnen auch noch für den Tourismus der Stadt von Bedeutung. Hierbei spielen die Aspekte Denkmalwert, Welterbe-Kontext und Vermittlungsort eine zentrale Rolle.
Als Kulturdenkmal des Landes Rheinland-Pfalz wird der Kastorbrunnen in der Denkmalliste für die Stadt Koblenz aus »Brunnen zur Verherrlichung Frankreichs und des Kaisers Napoleon« während der französischen Herrschaft in den Jahren 1812 bis 1814 aufgelistet.
Koblenz liegt am nördlichen Endpunkt der UNESCO-Welterbestätte »Oberes Mittelrheintal«. Am 27.06.2002 wurde diese Region in die Welterbeliste aufgenommen. Der Brunnen wird im lokalen Kontext als Teil dieser historischen Kulturlandschaft behandelt.
Gleichzeitig ist dieses historische Bauwerk auch in der städtischen Kulturvermittlung eine Station des Brunnenparcours. Es dient als Beispiel wie die technische Infrastruktur und politische Geschichte in einem Objekt zusammentreffen.