Der Vierte Koalitionskrieg 1806/07
Kapitel 8: Der Großpolnische Aufstand 1806 und die Polenfrage als strategisches Instrument
Der Aufstand in der Provinz Südpreußen
Um Preußen vollständig zu bezwingen, setzte Napoleon auf einen Aufstand in dem Teil Preußens, der bis zur Auflösung 1795 noch zum Königreich Polen gehört hatte. Bereits vage Versprechungen auf eine Wiederherstellung eines polnischen Staates genügten den polnischen Magnaten, der Bevölkerung und den Soldaten der polnischen Legionen im Dienst Napoleons, um nicht nur zügig zu revoltieren, sondern auch engagiert für den neuen polnischen Staat zu arbeiten.
Der Polnische Aufstand in der Provinz Südpreußen brach im November 1806 aus, unmittelbar nachdem die französischen Truppen nach dem Triumph von Jena und Auerstedt nach Osten vorgerückt waren. Er wurde durch General Dąbrowski im Einvernehmen mit Napoleon organisiert. Tatsächlich konnten die französischen Truppen, unterstützt von polnischen Einheiten, schon Ende 1806 Warschau einnehmen.
Seit Januar 1807 stand der ehemalige Marschall des Vierjährigen Sejms, Stanisław Małachowski (1736–1809), an der Spitze einer vorläufigen Regierungskommission. Bereits im Frühjahr 1807 waren 30.000 Soldaten einsatzbereit und in drei Legionen formiert. Die militärische Führung übernahmen Józef Zajączek (1752–1826), Jan Henryk Dąbrowski (1755–1818) und – als bekanntester Vertreter – Józef Poniatowski (1763–1813), Neffe des letzten polnischen Königs, der später als Marschall von Frankreich in den Fluten der Elster bei Leipzig den Tod finden sollte.
Hintergrund: Polens Verschwinden und das Fortleben der Hoffnung
Nach der dritten Teilung Polens von 1795 hatte das Königreich Polen aufgehört zu existieren. Sein Territorium war zwischen Preußen, Russland und Österreich aufgeteilt worden. Preußen verwaltete die annektierten Gebiete als Provinz Südpreußen, die vor allem die historischen Territorien Großpolens und Masowiens umfasste. Die polnische Bevölkerung hatte sich jedoch niemals mit dem Verlust ihrer staatlichen Eigenständigkeit abgefunden.
Bereits 1797 hatte General Jan Henryk Dąbrowski (1755–1818) in Norditalien polnische Legionen aufgestellt, deren Nationallied – die Mazurka Dąbrowskis – später zur polnischen Nationalhymne werden sollte. Diese Legionäre kämpften in der Hoffnung, Napoleon werde ihnen als Gegenleistung die Unabhängigkeit Polens schenken. Napoleon bediente diese Hoffnungen geschickt, ohne konkrete Versprechen zu machen.
Die Gründung des Herzogtums Warschau (1807)
Im Frieden von Tilsit (7./9. Juli 1807) wurde Preußen von Napoleon gezwungen, die im Zuge der Zweiten und Dritten Polnisch-Litauischen Teilung annektierten Gebiete abzutreten. Aus ihnen gründete Napoleon einen Satellitenstaat, das Herzogtum Warschau (Duché de Varsovie, polnisch Księstwo Warszawskie). Der in der Literatur häufig anzutreffende Begriff „Großherzogtum Warschau“ ist sachlich falsch: Im Frieden von Tilsit ist ausdrücklich vom Duché de Varsovie die Rede.
Zum Herzog von Warschau ernannte Napoleon seinen sächsischen Verbündeten, König Friedrich August I. (1750–1827). Der neue Staat hatte eine Ausdehnung von 104.000 km² mit 2,6 Millionen Einwohnern. Am 22.07.1807 oktroyierte Napoleon dem Herzogtum eine Verfassung nach französischem Vorbild, die er in wenigen Stunden in Dresden diktiert hatte. Die Macht lag de facto beim französischen Botschafter, dessen Organ der Ministerrat war.
Für die Polen bedeutete das Herzogtum Warschau trotz seiner offensichtlichen Abhängigkeit von Napoleon eine historisch bedeutsame Etappe: Es war die erste staatliche Gemeinschaft polnischer Prägung seit der dritten Teilung von 1795. Mit dem Napoleonischen Gesetzbuch (Code civil) wurde ein modernes Rechtssystem eingeführt, das die persönliche Freiheit der Bauern und die rechtliche Gleichstellung der Bürger kodifizierte. Die Hoffnung auf ein vollständig wiederhergestelltes Polen blieb indes unrfüllt. Der Wiener Kongress (1814/15) hob das Herzogtum auf und teilte seine Gebiete erneut zwischen Russland, Preußen und Österreich auf.
Lesen Sie auch:
→ Die polnische Verfassung von 1791 – die Verfassung, die die polnischen Patrioten 1806 als Vorbild für das neue Herzogtum ansahen und die Napoleon bewusst ignorierte
